„America first“ oder „America alone“? Warum nicht jeder Medien-Trend über den Atlantik schwappt

In Deutschland neigt man dazu, Entwicklungen und Experten aus den USA mit einiger Ehrfurcht zu begegnen – ein gewisser, mancherorts herrschender Anti-Amerikanismus ist lediglich die Kehrseite davon. Das Silicon Valley gilt vielen noch immer als Hort der Innovation, Universitäten wie Harvard, Stanford oder Princeton als erste Adressen für den Nachwuchs der Mittelschicht, und die populären Literat*innen der amerikanischen Ostküste als Vorbilder dafür, wie Literatur zu klingen hat, wenn sie Tiefgang und, man könnte sagen, Nutzerfreundlichkeit vereinigen soll. Seit den Exporterfolgen von Coca Cola, Rockmusik und Facebook dominiert zudem die latente Erwartung, dass das, was „da drüben“ passiert, irgendwann in einer Art Zwangsläufigkeit über den Atlantik schwappen wird.

Das gilt auch für die deutsche Medienbranche. Der Deutschland-affine Jeff Jarvis, Professor an der City University New York (CUNY), wird schon mal zu Führungskräfte-Events deutscher Verlage eingeladen, die sich damit international geben wollen. Und auf dem „Journalism Summit“ bei den Medientagen München darf Jay Rosen, Professor der New York University, den Journalismus einst, jetzt und in Zukunft erklären. Das ist gut, weil man den neuesten Auswüchsen der Branchenkrise am besten vorbereitet begegnet. Allerdings sieht diese Krise in den USA dann doch einigermaßen anders aus als diesseits des Ozeans – zum Glück.

Wahr ist, dass die Dominanz der Plattform-Konzerne mit ihren gnadenlos nach kommerziellen Kriterien optimierenden Algorithmen Medienhäuser und Redaktionen weltweit vor sehr ähnliche Herausforderungen stellt. Auf der einen Seite verlieren sie Werbeeinnahmen, auf der anderen müssen sie sich die einst hoheitliche Beziehung zu ihrem Publikum neu erobern, was manchen weniger gut, anderen gar nicht mehr gelingt. Wahr ist aber auch, dass die Medienkrise in den USA deutlich stärkere Schneisen in die Landschaft schlägt als anderswo. Der Begriff „News Deserts“ wurde dort erfunden, und dort gehört er auch hin.

News Deserts, das sind Orte oder ganze Landstriche, in denen es keinerlei lokale Versorgung mit Journalismus mehr gibt, weil die einzige Lokalzeitung dichtgemacht hat. Und – hier der erste entscheidende Unterschied – weil es in den USA keinen dem europäischen Modell vergleichbaren flächendeckenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, der den Auftrag hat, die Bevölkerung in der Fläche mit journalistischen Angeboten zu versorgen.

Wo es keine Lokalzeitung mehr gibt, so ist es vielfältig belegt, findet keine publizistische Kontrolle von Institutionen mehr statt, weniger Menschen gehen oder stellen sich zur Wahl, die öffentlichen Finanzen laufen eher aus dem Ruder als anderswo. In den meisten europäischen Ländern versuchen mindestens wackere Lokalreporter öffentlich-rechtlicher Anstalten, die Bürger*innen auf dem Laufenden zu halten und ihnen eine Stimme zu geben. Dort, wo es diese von Regierungsinteressen einigermaßen unabhängigen Sender gibt, ist die Gefahr deutlich geringer, dass Einwohner*innen ganzer Landstriche allein auf Facebook oder WhatsApp-Gruppen ausweichen müssen, um Informationen aus ihrem Umfeld zu ergattern – mit all den Folgen, die das haben kann.

Eine zweite amerikanische Besonderheit, die es in der Breite eher nicht nach Europa schaffen wird, ist die bedingungslose Unterwerfung der Medienbranche unter die Gesetze des Kapitalismus. Wo zum Beispiel der Hedge Fonds Alden Global Capital wütet, bleibt oft nicht mehr viel übrig von Branchengrößen, deren Redaktionen einst Pulitzer-Preise sammelten. Die Liste der Verlagshäuser ist lang, deren Belegschaften nach Hause geschickt und deren Assets ausgepresst wurden, bis nur noch Hüllen übrigblieben. Der amerikanischen Demokratie hat dies mit Sicherheit nicht genützt. Um wenigstens den Journalismus zu retten, streicht derzeit ein Medium nach dem anderen die Zahl der Wochentage zusammen, an denen noch eine Zeitung aus Papier erscheint. Wie in dieser Woche bekannt wurde, werden zum Beispiel beide Zeitungen in Salt Lake City künftig nur noch einmal statt siebenmal in der Woche erscheinen.

In Deutschland und anderswo in Europa hingegen gibt es kaum Anzeichen für einen ähnlichen Exodus. Immer noch existieren hier reichlich Verleger-Familien, die zwar auch harte Einschnitte verantworten aber gleichzeitig den Ehrgeiz haben, ihre Häuser in eine digitale Zukunft zu führen. Margen, die längst nichts mehr mit den Gewinnen vergangener Jahrzehnte zu tun haben, nehmen sie dabei in Kauf. Das eine oder andere Haus mag sich womöglich irgendwann darauf beschränken, nur noch eine Wochenend-Ausgabe zu drucken, wenn die Leser*innen sich unter der Woche vornehmlich digital versorgen. Aber dieses Irgendwann liegt bei den meisten noch in fernerer Zukunft – und bis dahin wird man das Publikum hoffentlich dazu erzogen haben, in ausreichendem Maße zu App, Website, E-Paper oder Newslettern zu greifen. Die Grabesreden aus den USA dürften den Handlungsdruck erhöhen, aber noch gleichen viele Verlagshäuser eher Patient*innen mit chronischen Wehwehchen statt solchen auf der Intensivstation.

Das ist nicht immer von Vorteil. Denn manchmal braucht man Not, um Helfer*innen zu rekrutieren. Und das klappt in den USA deutlich besser als hierzulande. Stiftungen wie die Lenfest oder die Knight Foundation unterstützen Journalismus mit hunderten Millionen, ähnliches tun Milliardäre wie Craig Newmark, der zum Beispiel die Journalistenschule der CUNY finanziert oder Amazon-Gründer Jeff Bezos, der sich 2013 die Washington Post als Experimentierfeld einverleibt hat und sich nun offenbar auch für CNN interessiert. In Deutschland dagegen lassen solche am Fortbestand der vierten Gewalt interessierten Investoren auf sich warten.

Ironischerweise hat das zur Folge, dass die Förderung von Ausbildung und Innovation im Journalismus hierzulande vor allem zwei amerikanischen Konzernen überlassen wird: Google und Facebook, letzterer Konzern finanziert zum Beispiel auch das Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School. Anders als in den USA, wo es eine Vielfalt von Unterstützer*innen mit gut gefüllten Taschen gibt, ist in diesen Breiten eine Finanzierungs-Monokultur entstanden, über die ungern laut geredet wird. Nicht wenige Verlagshäuser üben sich in dem Spagat, die Plattform-Konzerne auf der Meinungsseite zwar zu geißeln, aber im Geschäftsalltag dennoch zuzugreifen, wenn es um die Unterstützung von Innovationsprojekten geht. Die Journalisten Alexander Fanta und Ingo Dachwitz haben in der vergangenen Woche eine Studie dazu veröffentlicht, wie sehr die deutsche Medienlandschaft mittlerweile von der Google-News-Initiative abhängt. (Transparenz-Hinweis: Die Autorin dieses Textes profitiert selbst maßgeblich von Aufträgen und Institutionen, hinter denen als Geldgeber sowohl Google als auch Facebook stehen.)

Die deutsche Medienbranche ist also eng mit amerikanischen Interessen verwoben, und dies nicht nur, weil der US-Finanzinvestor KKR knapp unter 50 Prozent der Anteile am Medienkonzern Axel Springer hält. Der deutsche Journalismus allerdings muss sich vor dem amerikanischen keinesfalls verstecken. Eine global agierende Medienmarke wie die New York Times oder ein Innovations-Power-Haus wie die Washington Post gibt es hierzulande nicht. Wohl aber so viele Redaktionen in der Fläche, dass wirkliche News Deserts wohl kaum entstehen werden. In manchen Dingen ist Amerika tatsächlich schneller, größer, stärker als andere. In anderen jedoch einfach nur anders – oder weit hinterher.

Dieser Text erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 29. Oktober 2020.

Digitale Meisterprüfung: Was JournalistInnen von Maria Ressa lernen können

 

Maria Ressa als Rockstar des globalen Journalismus zu beschreiben, wäre untertrieben. Als das Reisen noch möglich war, schien die philippinisch-amerikanische Star-Journalistin alle Bühnen der Welt gleichzeitig zu bespielen. Ehemalige CNN-Büroleiterin und Investigativ-Reporterin mit Schwerpunkt Terrorismus, Gründerin von Rappler.com, im Clinch mit dem philippinischen Präsidenten Duterte und dessen diktatorischem Regime, ständig mit einem Bein im Gefängnis und Time Magazine Person of the Year 2018: Praktisch jede Medienorganisation wollte sich von Ressa ihre Konferenz eröffnen lassen. Jetzt, in Covid-19-Zeiten, zoomt sie von einem Webinar zum nächsten, als kämpfe sie um ihr Leben – und das trifft es ziemlich gut. Seitdem sie und ein Rappler-Mitarbeiter am 15. Juni in ihrer Heimat Manila wegen Cyber Verleumdung verurteilt wurden, ist internationale Sichtbarkeit ihre wichtigste Strategie. Das Urteil ist Teil einer Schikane gegen die freie Presse, zu den Tricks gehören auch Anklagen wegen Steuerhinterziehung. Derzeit ist Ressa nur auf Kaution frei. Sollte sie in Haft gehen müssen, wird ihre Anwältin Amal Clooney für sie weiterkämpfen.

Ressa ist für viele Journalistinnen und Journalisten heute, was Bob Woodward und Carl Bernstein zu ihrer Zeit waren, aber nicht nur das: Sie steht auch als Vorbild für den digitalen Journalismus. Das ist nicht ganz selbstverständlich für eine Frau von 56 Jahren in einer Branche, in der sich CEOs damit rühmen, fürs Digitale nur noch bei den „digital Natives“ zu rekrutieren, weshalb manch einer per Hoodie versucht, noch für maximal Ende 30 durchzugehen. Aber Ressa, die mit charismatischem Lächeln, Leidenschaft und Eloquenz regelmäßig stehende Ovationen auslöst, lässt gar keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie schon ganz andere Dinge bezwungen hat als das bisschen digitale Transformation.

Rappler, vor sechs Jahren gegründet, ist als reine Online-Plattform zu einer der wichtigsten Medienmarken auf den Philippinen geworden. Auf Konferenzen sieht man die Chefin häufig selbst mit dem Smartphone live streamen. Und die Mitarbeiter_innen – der Anteil der Frauen liegt bei über der Hälfte – sind auch sonst absolut technikaffin. „Du musst sie mit ihren eigenen Waffen schlagen“, betont Ressa oft. Und dann demonstriert sie gleich dazu, wie sie das meint. Denn Duterte und seine Unterstützer_innen hetzen pausenlos mit Cyber-Trollen gegen Ressa und ihr Team. Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen die Reporter_innen und deren Familiengehören zum Standard-Repertoire. Aber Rappler schafft es, diese Netzwerke mit Hilfe von Datenjournalismus sichtbar zu machen, zum Beispiel in der „Weaponizing the internet“-Serie. Gäbe es einen digitalen Meisterbrief, die Rappler-Kolleg_innen könnten ihn vorlegen. Oder vielleicht sollte man gleich von einem digitalen Waffenschein sprechen.

Aber Rappler ist auch ein Beispiel dafür, wie dicht Böse und Gut im Netz zusammenliegen. Ressa gehört zu einer der schärfsten Kritiker_innen von Facebook. Nur durch das soziale Netzwerk gelänge es Diktatoren wie Duterte, ihre Propaganda zu verbreiten, die Presse und Opposition plattzumachen versucht. Die Plattform um Mark Zuckerberg habe es bislang versäumt, an den Mechanismen zu drehen, die Hass und Hetze wie Brandbeschleuniger im Netz verbreiten. Gleichzeitig weiß Ressa, dass das Netzwerk vor allem in Regionen wie Südostasien der wichtigste Kanal dafür ist, aufklärerische Ideen und Wissen unter die Menschen zu bringen. Als „Frenemy“ – eine Mischung aus den englischen Wörtern für Freund und Feind – bezeichne sie die Plattformen oft, schreibt die Wissenschaftlerin Julie Posetti, die Ressa seit Jahren eng begleitet, in einem Meinungsstück für CNN.

Genau in diesem Zwiespalt bewegen sich Journalist_innen unablässig dieser Tage. So sehr, wie die Plattformen den Medienhäusern Werbeeinnahmen streitig machen, eröffnen sie auch Möglichkeiten, Inhalte in unterschiedlichsten Formen und auf unterschiedlichsten Wegen zu verbreiten. Digitale Hass-Attacken auf Kommentator_innen und Reporter_innen erschweren den Beruf. Die Möglichkeit, unkompliziert mit dem Publikum ins Gespräch zu gehen und sich dessen Wissen für Recherchen nutzbar zu machen, erleichtern ihn und erweitern seine Möglichkeiten. In der Beziehung zwischen den Tech-Konzernen und Medienmarken ist diese Hass-Liebe Tagesgeschäft. Die „Frenemies“ scheitern kläglich im Kampf gegen Hass und Hetze, machen aber gleichzeitig Geschenke: Google und Facebook fördern Redaktionen und journalistische Projekte mit Hunderten Millionen Dollar – auch das von Facebook gesponserte Digital Journalism Fellowship profitiert davon.

Die Leiterin des Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University, Emily Bell, beleuchtet den Gewissenskonflikt der Branche im jüngsten Newsletter des Centers. Anders als für große Konsumgütermarken, die aus Protest gegen Facebooks nachlässigen Umgang mit Hassrede vorerst keine Anzeigen mehr auf der Plattform schalten, könnten sich dies viele Medienmarken gar nicht leisten. Die Reichweite sei für sie eine Überlebensfrage. „Auf Facebook zu werben ist (für diese Marken) wie Lastwagen dafür zu bezahlen, Zeitungen zu Kiosken zu transportieren“, schreibt Bell, es gehe um den Marktzugang.

Von Maria Ressa lässt sich in diesem Zusammenhang lernen: Man kann wie Ressa bei Facebook vorstellig werden und seine Praktiken anprangern. Und man kann die Möglichkeiten digitaler Technologien trotzdem für sich und eine gute Sache nutzen. #HoldTheLine ist Ressas berühmter Hashtag-Schlachtruf. Das gelingt aber nur, wenn man versiert genug ist, mit den Möglichkeiten von Daten und Netz umzugehen. Spätestens mit Blick auf Ressa weiß nun jeder: Nicht einmal das Alter ist eine Entschuldigung dafür, es nicht zu versuchen.

Dieser Text erschien zuerst am 9. Juli 2020 im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School.

Der Journalismus und seine Gegner: Mehr Optimismus wagen

Bei der Lektüre des jährlichen World Press Freedom Index der Organisation Reporter Ohne Grenzen (RSF) musste man sich schon immer auf die Portion Optimismus besinnen, die man braucht, um für eine bessere Medienzukunft zu streiten. In diesem Jahr fällt das noch schwerer als sonst. Für die Forscher von RSF entscheidet sich in diesem Jahrzehnt das Schicksal des Journalismus, und als würde das Corona-Virus nicht nur innere Organe sondern auch die der öffentlichen Meinungsbildung befallen, titeln sie: „Entering a decisive decade for Journalism, exacerbated by coronavirus“. Man kann sagen, dass die Pandemie auf einen vorgeschädigten Patienten trifft.

Große Überraschungen birgt das im April 2020 veröffentlichte Dokument der Verfolgung, Unterdrückung und Missachtung journalistischer Arbeit überall auf der Welt nicht. Norwegen, Finnland, Dänemark und Schweden besetzen die Spitzenplätze in Sachen Pressefreiheit, während sich die üblichen Verdächtigen auf den hinteren Rängen anstellen. Regierungswechsel nach demokratischen Wahlen sind von jeher das einzige erprobte Mittel für einen nennenswerten Aufstieg im Ranking – was in diesem Jahr zum Beispiel Malaysia, den Malediven und dem Sudan gelang.

Das Fazit der Organisation ist allerdings drastisch. Der Analyse zufolge sind eine Vielzahl der gegenwärtigen Entwicklungen dazu geeignet, den Journalismus oder wenigstens Teile davon lebendig zu begraben. So identifizieren die RSF-Experten gleich vier Krisen: eine geopolitische, eine technologische, einer demokratische, eine ökonomische und eine Vertrauenskrise.

In der Tat benutzen viele Regierungen von Ungarn bis Irak das Virus dazu, die Pressefreiheit einzuschränken und die Bedingungen zu verschärfen, unter denen Journalisten arbeiten. Und der Einbruch der Weltwirtschaft und damit des Anzeigengeschäfts führt dazu, dass sich in diesem Fall nicht einmal die Klassenbesten sicher fühlen können.

Woher also in diesem Jahr den Optimismus nehmen? Tatsächlich gibt es ein paar Lichtblicke, aus denen Perspektiven werden könnten. Zunächst einmal: Das Vertrauen in vertraute Medienmarken wächst. Öffentlich-rechtliche Sender und Qualitätsmedien verzeichnen Zugriffe wie lange nicht – wenngleich sich abzeichnet, dass das Interesse mit der Dauer des Ausnahmezustands nachlässt. Viele Leser und Leserinnen schließen Digital-Abos ab, selbst wenn die Corona-Berichterstattung frei zugänglich gemacht wurde. Die Zahlungsbereitschaft für Journalismus steigt (auf niedrigem Niveau) auch in Ländern, wo man das nicht für möglich gehalten hätte. Viele Bürger begreifen, dass ihnen Journalismus etwas wert sein muss.

Auch diejenigen mit tieferen und ganz tiefen Taschen haben das erkannt. Namhafte Stiftungen sowie die von den Verlegern überlicherweise in einer Art Hassliebe geschmähten Tech-Konzerne Google und Facebook bekennen sich mit Not- und Projekthilfe in Millionenhöhe zum Qualitätsjournalismus. Das Reuters Institute an der Universität Oxford hat als Chair der Indpendent News Emergency Relief Coordination die Aufgabe übernommen, Förderer zu beraten, wo ihre Hilfe am meisten ausrichtet. Stiftungen wie Luminate und die McArthur Foundation und Organisationen wie Wan-Ifra sind beteiligt.     

Jetzt also gilt es: Nun können Journalisten zeigen, was sie draufhaben. Eine publikumsorientierte Redaktion – Stichwort: Audience first – beschäftigt sich mit den verschiedenen Interessenlagen, die sich in dieser Krise ausgebildet haben. Eltern mit kleinen und schulpflichtigen Kindern zum Beispiel, Geschäftsleute und Kleingewerbetreibende, diejenigen, die sich zu Hause langweilen und Inspiration suchen, diejenigen, die sich einsam fühlen und vielleicht von vergangenen Zeiten träumen möchten, diejenigen, die kranke oder pflegebedürftige Angehörige haben und sich insgesamt für Gesundheitsthemen interessieren oder diejenigen, für die es eine Herausforderung ist, täglich Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen. Jetzt gilt es, all diese Gruppen zu identifizieren und bestmöglich zu bedienen – zur Not mit Lesestoff aus dem Archiv, wenn die Redaktionskapazität wegen Kurzarbeit zusammengeschrumpft ist.  

Die nächste Lektion: Die virtuelle Redaktion ist möglich. Sie sei sogar eine Überlebensstrategie für diejenigen Medienunternehmen, die sich das traditionelle Pressehaus mit seinen Desktop-gespickten Großraumbüros nicht mehr leisten können, schreibt der Journalist und Gründer Tom Trewinnard für das Nieman Lab. Tatsächlich könnte die nun in Tausenden Home Offices geprobte Dezentralisierung Journalisten ermöglichen, wieder viel näher an ihr Publikum heranzurücken.

Neben dem Wissenschaftsjournalismus hat der Lokaljournalismus gerade in der Krise eine herausragende Bedeutung bekommen. Die Vertrauenslücke zwischen Journalisten und ihren Lesern/Hörern/Zuschauern entstand schließlich oft auch, weil die Lebenswelten der Redakteure in den Metropolen sich stark von denen weiter Teile ihres Publikums unterschieden haben, das Unverständnis dafür, was Menschen auf dem Land bewegt, hat schon zu so mancher Überraschung am Wahltag geführt. Wahr ist aber auch, dass in zentralisierten Redaktionen viel Energie in Macht- und Profilierungskämpfe statt in den Journalismus und neue strategische Ideen fließt. Wenn es Medienmarken schaffen, solche virtuellen Verbünde aufzubauen, könnten beide Seiten profitieren: der Journalismus und sein Publikum.

Und eine weitere Tatsache könnte Anstoß für einen Wandel sein: Regierungen nutzen die Krise zunehmend als Vorwand, Journalisten den Zugang zu offiziellen Informationen zu erschweren. Das muss man beklagen. Aber man kann auch darüber nachdenken, ob die Wiedergabe offizieller Verlautbarungen nicht schon längst den Dingen gehört, die man getrost den Verlautbarungsabteilungen überlassen kann. In den USA führen die Journalismus-Professoren Jay Rosen und Jeff Jarvis seit einiger Zeit eine Debatte darüber, wie viel Bühne man einem Präsidenten wie Donald Trump geben darf, dem es nie auf Argumente sondern lediglich darauf ankommt, bei seinen Unterstützern zu punkten. Weniger Nähe zu Funktionären, mehr zu den Bürgern und den Fakten – das bekommt dem Journalismus gut. Dort, wo sich Journalisten mit ihrem Publikum verbünden, haben sie die besten Chancen, die Krise zu überstehen. Den Medienhäusern in ihrer bisherigen Form wird das nicht in jedem Fall gelingen.

Dieser Text entstand für den Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School im April 2020.