LSE-Professor Charlie Beckett über KI: „Ich habe Medien Führungskräfte nie zuvor so besorgt gesehen“

Jeder in der Branche spricht über Künstliche Intelligenz und noch niemand weiß, wohin sie den Journalismus letzten Endes bringen wird. Das gilt auch für Charlie Beckett, wie er im Interview mit Medieninsider verrät. Und trotzdem ist der Leiter des internationalen JournalismAI Project und Journalismusprofessor an der London School of Economics der richtige Ansprechpartner, um über die Stimmung der internationalen Medienbranche gegenüber künstlicher Intelligenz, ihren Aufstieg und die Bedeutung zu sprechen. Ein Interview darüber,… :

► … wie die KI die Branche verändern könnte wie zuletzt das Internet

► … was von redaktionellen Regelwerken im Umgang mit KI zu halten ist

► … wie KI bisherige Machtverteilung der Tech-Konzerne aufwirbelt

► … was KI im Umgang mit Urheberrechten bedeutet und welche Fragen nun gestellt werden müssen


Medieninsider: Seit dem Launch von ChatGPT werden praktisch täglich neue KI-Anwendungen bekannt, die für den Journalismus relevant sind. Welche fasziniert Sie besonders?

Charlie Beckett: Eine kleine Redaktion in Malawi, die an unserem KI-Lehrgang für kleine Redaktionen teilnimmt. Sie hat ein auf generativer KI basierendes Tool gebaut, das praktisch ein ganzer Werkzeugkasten ist. Mit ihm lassen sich die Workflows in Redaktionen vereinfachen. Dabei geht es darum, Informationen schnell zu verarbeiten und in Formate zu gießen, eine Art super effizienter Redaktionsmanager. Es ist keine dieser sensationellen Anwendungen, die dabei helfen, Deep Fakes zu entdecken oder als investigatives Tool das nächste Watergate zutage zu fördern. Aber ich finde das großartig: eine afrikanische Redaktion, die schnell etwas entwickelt, das den Kollegen das Tagesgeschäft erleichtert. Ich glaube, in diesen eher mechanischen Anwendungen liegt die unmittelbare Zukunft. Das geht im Medienhype oft unter. Da diskutiert man lieber über Themen wie Killer-Roboter. 

„Definitiv wird KI die Branche mindestens so prägen, wie der Online-Journalismus und der Aufstieg der sozialen Netzwerke dies getan haben.“

Glauben Sie, dass kleine Redaktionen überproportional von KI profitieren werden, oder sind wieder einmal die großen Spieler die Gewinner? 

Die Antwort ist: keine Ahnung! Bislang war es bei Innovationen so, dass die großen Redaktionen am stärksten profitiert haben, weil sie mehr investieren können. Aber wenn kleine Redaktionen ein paar Tools finden, die ihnen zum Beispiel dabei helfen, Newsletter zu automatisieren oder Daten für ein Investigativ-Projekt auszuwerten, kann das ihnen enorm helfen. Ein Effizienz-Gewinn von zehn Prozent kann Existenzen sichern. Für Lokalredaktionen könnte sich KI als Brückentechnologie erweisen. Das zumindest höre ich in Gesprächen heraus.

Weil sie mit weniger Leuten mehr schaffen können? Es gibt das schwedische Beispiel, dass automatisierte Auswertungen von Immobilienpreisen sogar Abos generieren, weil das Thema die Leser brennend interessiert – so wie auch Wetter- und Verkehrsmeldungen.

Das hoffen die Redakteure von kleinen Redaktionen zumindest. Sie sagen, sie könnten mit Hilfe von KI zumindest ausreichend Inhalte produzieren, um die Existenz ihrer Marke zu rechtfertigen. Die Reporter könnten sich dann darauf konzentrieren, echte lokale Geschichten zu recherchieren. Wir werden sehen, ob das wirklich passiert. Aber definitiv wird KI die Branche mindestens so prägen, wie der Online-Journalismus und der Aufstieg der sozialen Netzwerke dies getan haben.

KI scheint in der Branche Begeisterung und Experimentierfreude freizusetzen, anders als damals zu Beginn des Online-Journalismus, dem viele skeptisch gegenüberstanden. 

Man gerät schon etwas außer Atem angesichts der Entwicklung. Am Anfang schauten wir uns künstlich generierte Bilder an und dachten: Naja, das sieht etwas wackelig aus. Drei Monate später gab es schon beeindruckend realistische Bilder. Wir bewegen uns gerade durch diesen Hype-Zyklus. Egal, mit welcher Redaktion auf der Welt ich spreche: Alle spielen mindestens mit KI herum, spätestens am Jahresende werden viele etwas implementiert haben. 

Sie sagen aber, es ist zu früh für Vorhersagen? 

Wir sehen gerade eine extrem fluide Entwicklung. Anzeigenkunden wissen noch nicht, was sie tun sollen, im Verhältnis zwischen Plattform-Konzernen und Verlagen ist erneut vieles offen. Tatsächlich habe ich so etwas noch nie erlebt. Dabei sind alle wirklich hoch aufmerksam, und auch das habe ich so noch nicht erlebt. Allen ist klar, dass wir vor einer großen Veränderung stehen. 

„Regelwerke sind eine gute Sache, aber dort sollte gleich am Anfang stehen: All dies könnte sich ändern.“

Aber ist es nicht riskant, einfach abzuwarten? 

Die Automatisierung ist noch sehr instabil. Auf dem jetzigen Stand neue Prozesse aufzusetzen wäre, als würde man ein Haus auf einem Vulkan bauen. Der richtige Prozess ist: Lasse die Mitarbeitenden experimentieren, lernen und auf jeden Fall über potenzielle Wirkungen nachdenken. Wenn Sie mich jetzt fragen, was sind die zehn Tools, die ich kennen muss, dann ist das die falsche Frage. 

Genau das wollte ich natürlich fragen. Das wollen derzeit doch viele wissen. Und jeder Berater will der Erste sein, der das ultimative KI-Handbuch für Redaktionen herausgibt. Muss man also misstrauisch sein, wenn jemand mit breiter Brust behauptet, Lösungen zu haben? 

Wir sammeln derzeit, wer welche Tools nutzt und welche Erfahrungen damit gemacht werden. Wir geben aber keine Empfehlung für das vermeintlich beste Tool ab. Ich habe gerade mit dem CEO eines großen Senders gesprochen. Neben regelmäßigen Gesprächs- und Informationsrunden nehmen sie sich dort eine halbe Stunde pro Tag Zeit, um einfach mit neuen Tools herumzuspielen. Wenn man CEO ist, muss man natürlich einen Etat für KI einplanen. Aber der sollte flexibel einsetzbar sein. 

Viele Redaktionen geben sich gerade Regeln für den verantwortungsvollen Einsatz von KI. Der Bayerische Rundfunk ist ein Beispiel, die Kollegin, die das angeschoben hat, war Teilnehmerin einer der ersten Kohorten Ihres LSE Journalism and AI Projects. 

Solche Regelwerke sind eine gute Sache, aber dort sollte gleich am Anfang stehen: All dies könnte sich ändern. Wichtig ist auch, so eine Handreichung mit einer Botschaft der Ermutigung zu beginnen. Jeder CEO, der sofort sagt, wir tun dies nicht und das nicht, macht einen großen Fehler. Die besten Guidelines sind diejenigen, die sagen: Das sind unsere Grenzen, und das sind die wichtigen Fragen, die wir uns bei allen Anwendungen stellen sollten. Transparenz ist ein wichtiges Thema: Wem sage ich, was ich gerade ausprobiere? Meinen Vorgesetzten, meinen Kollegen, den Nutzenden? Und natürlich ist eine generelle Vorsicht angesagt. Im Moment sind Schwärme von Firmenvertretern unterwegs, die einem Wunder-Tools verkaufen wollen. 90 Prozent davon sind Unsinn. 

Wie transparent sollte man dem Publikum gegenüber sein?

Bloomberg zum Beispiel schreibt unter Texte: Das ist zu 100 Prozent KI-generiert. Das ist nicht als Warnsignal gedacht, sondern als Zeichen von Stolz. Es soll sagen: Wir können mit dieser Technologie umgehen, Sie können uns vertrauen. Ich glaube, Redaktionen sind ein bisschen zu besorgt, was das angeht. Unter Texten steht ja heute auch nicht „ein Teil der Informationen stammt von Nachrichtenagenturen“ oder „Der Praktikant hat bei der Recherche geholfen“. Man sollte Transparenz-Hinweise selbstbewusst nutzen, um den Konsumenten zu zeigen, dass man ihnen mehr bieten möchte. Einige Häuser werden weiterhin Clickbait-Seiten haben und sie nun mit einer Menge KI-Müll füllen, ohne das auszuweisen. Aber die haben vermutlich schon immer viel Müll produziert. 

Wie muss sich die Journalisten-Ausbildung ändern? Sollte man denjenigen, die den Beruf ergreifen, weil sie gerne schreiben, nun davon abraten, weil KI darin bald extrem gut sein wird?

Als erstes würde ich sagen: Es ändert sich nicht viel. Die Eigenschaften und Fertigkeiten, die wir in der Ausbildung fördern, sind zutiefst menschlich: Neugier, Kreativität, Kompetenzen. In den vergangenen 15 Jahren sind natürlich die technischen Fertigkeiten dazugekommen. Aber es haben sich auch grundlegende Dinge geändert. Es geht heute mehr denn je um den Aufbau einer Beziehung zu den Nutzenden, nicht nur um Produktentwicklung. Journalismus ist ein datenbasierter, strukturierter Prozess der Informationsvermittlung. Mit der generativen KI rückt die Technologie dabei stark in den Hintergrund. Man muss nicht mehr programmieren lernen. Aber eine Schlüsselqualifikation wird es sein, exzellente Prompts zu schreiben. Das Schreiben von Prompts wird wie Programmieren sein, nur ohne Mathe. 

Journalisten mögen sich von diesen KI-Schreib-Tools in ihren Kernkompetenzen herausgefordert fühlen, aber könnten diese Werkzeuge nicht eine großartige Chance sein, alles zu demokratisieren, das Sprachkompetenz erfordert? Meine Studierenden, von denen viele keine Muttersprachler sind, nutzen ChatGPT zum Beispiel dazu, ihre Lebensläufe zu redigieren. 

Vielleicht sollte man nicht dieses große Wort Demokratisierung benutzen, aber KI könnte durchaus Barrieren senken und Hindernisse aus dem Weg räumen. Andererseits bin ich skeptisch. Wir unterschätzen oft, auf welche Weise Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten online fortbestehen. 

„Es wird aber mehr Produkte geben, die wie guter Journalismus aussehen werden.“

Wir haben viel über die Chancen von KI für den Journalismus gesprochen. Welches sind die größten Risiken?

Da ist natürlich die große Abhängigkeit von Tech-Konzernen, die Gefahr von Diskriminierung. Journalismus muss faktenbasiert und genau sein, generative KI kann das nicht in dem geforderten Maße liefern. Das größte Risiko ist aber wohl, dass die Rolle der Medien als Vermittler weiter schwindet. Schon das Internet hat diese Rolle geschwächt, die Nutzenden können direkt zu denjenigen gehen, die Informationen anbieten. Aber die auf Sprachmodellen basierende KI wird alle Fragen beantworten, ohne dass die Menschen jemals mit der Quelle der Information in Berührung kommen. Das ist ein massives Problem für Geschäftsmodelle. Welche Art von Regulierung wird notwendig, welche kommerziellen Vereinbarungen, wie ist das mit dem Copyright? Ehrlich gesagt habe ich Medien-Führungskräfte noch nie zuvor so besorgt gesehen. 

Das ist in der Tat bedrohlich. 

Es ist existentiell. Zuerst haben sie gesagt: Oh mein Gott, das Internet hat unsere Anzeigeneinnahmen gestohlen. Dann haben sie gesagt: Oh mein Gott, Twitter hat die Aufmerksamkeit von uns abgezogen. Und nun starren sie auf dieses Ding und denken: Warum in aller Welt sollte jemals wieder jemand auf meine Website kommen? Und darauf müssen sie eine Antwort finden.

„Google ist vielleicht nicht mehr diese Großmacht, für die wir es gehalten haben.“

Müssen Journalisten Angst um ihre Jobs haben?

Medienhäuser werden nicht über Nacht verschwinden. Es wird aber mehr Produkte geben, die wie guter Journalismus aussehen werden. Wir haben hier einen toxischen Cocktail, der faszinierend, aber auch beängstigend ist. Dieser Cocktail besteht aus Unsicherheit, das finden Journalisten immer toll. Außerdem besteht er aus Komplexität, das ist spannend für alle intelligenten Menschen. Der dritte Bestandteil ist die Geschwindigkeit, und da gilt die alte Regel: Wir überschätzen meist die kurzfristigen Folgen und unterschätzen die langfristigen Auswirkungen. Im Laufe der 15 Jahre, in denen ich das hier mache, gab es immer wieder Leute, die so etwas gesagt haben wie: 80 Prozent der Medienmarken werden verschwinden oder 60 Prozent der Journalisten werden nicht mehr gebraucht werden oder solche Sachen. Aber heute haben wir mehr Journalismus als je zuvor.

Aber die Abhängigkeit von den großen Tech-Konzernen wird eher wachsen als schrumpfen.  

Einerseits ja. Man braucht definitiv Freunde aus dieser Tech-Welt, die einem dabei helfen, diese Dinge zu verstehen. Andererseits gibt es plötzlich neuen Wettbewerb. Google ist vielleicht nicht mehr diese Großmacht, für die wir es gehalten haben. Neuer Wettbewerb eröffnet auch immer Chancen, die eigene Position neu zu verhandeln. Diese Chancen muss die Medienbranche nutzen. Ich bin hier auf wackeligem Boden, denn die JournalismAI Initiative wird von Google finanziert. Aber ich denke, weder Google noch die Politik kümmert es wirklich, wie es den Medien geht. Vermutlich wären etliche Politiker froh, Journalismus würde verschwinden. Wir müssen deshalb als Branche neu definieren und vermitteln, was der Mehrwert von Journalismus für die Menschen und die Gesellschaft ist – unabhängig von früheren Vorstellungen über Journalismus als Institution.

Etliche Kollegen aus der Branche sagen hinter vorgehaltener Hand: „Zum Glück nähere ich mich dem Ende meiner Laufbahn, die besten Jahre des Journalismus liegen hinter uns.“ Würden Sie unter den gegenwärtigen Bedingungen und Perspektiven noch einmal Journalist werden wollen?

Auf jeden Fall. Es ist ein empirischer Fakt, dass man mit all den Möglichkeiten heute besseren Journalismus produzieren kann als jemals zuvor.  


Charlie Beckett ist Professor für Journalismus an der London School of Economics und der Gründungsdirektor von Polis, einem dort beheimateten Think Tank für Medien und Journalismus. Er leitet das JournalismAI Project, das Journalisten aus aller Welt seit 2018 die Möglichkeit bietet, sich zu vernetzen und intensiv mit KI im Journalismus zu beschäftigen. Vor seiner Zeit an der LSE war Beckett Fernsehjournalist und Lokaljournalist in London.  

Dieses Interview erschien zuerst bei Medieninsider am 6. September 2023.

Excel statt Prosa: Was Journalisten künftig können sollten

Man kann es traurig finden, dass Dirk Kurbjuweit nun Chefredakteur des Spiegel ist, selbst wenn man in der jüngsten Personalrochade keine Loyalitäten zu beachten hat. Immerhin geht dem Magazin ein überragender Beobachter und Schreiber verloren, der sich nun in strategischer Arbeit und Machtkämpfen aufreiben muss, statt das zu fabrizieren, was die Marke ebenso dringend braucht: erstklassigen Journalismus. Vor allem aber ist man als Unbeteiligte – womöglich zu Unrecht – verwirrt. Wird nicht seit Jahren auf ziemlich allen Branchen-Konferenzen gepredigt, dass es eine der größten Sünden bei Beförderungen ist, auf die exzellente Fachkraft zu setzen statt auf jene Kolleginnen und Kollegen mit dem größtmöglichen Führungspotenzial? Schließlich brauchen Medienhäuser in diesen Tagen vor allem versierte Strategen, die es zudem schaffen, Talente zu binden. 

Die Signalwirkung der Entscheidung, die Schreibkraft Nummer eins zum Chef von Deutschlands wichtigstem Nachrichtenmagazin zu machen, ist nicht zu unterschätzen. Junge Journalistinnen und Journalisten beobachten das und ziehen daraus ihre Schlüsse. Und damit stellen sie womöglich ihre beruflichen Weichen in eine ungünstige Richtung. Müssen die Medienschaffenden der Zukunft doch viele neue Dinge trainieren, die erst langsam in die Ausbildungspläne der Branche einsickern. Recherche und Schreiben gehören dazu, bilden aber nur noch einen kleinen Teil des Redaktionsalltags ab. Hier sind sieben Fertigkeiten, die auf jeden Fall zu den künftigen Grundkompetenzen gehören:

Verständnis von Geschäftsmodellen und Strategie

Die Entschuldigung, sich als Redaktionsmitglied nicht mit profanen Dingen wie Geldverdienen beschäftigen zu müssen, können sich künftig vielleicht noch ein paar Künstler leisten. Selbst denen hilft es zu wissen, wie ihre Gehälter erwirtschaftet werden. Schon heute haben viele Chefredakteure Ergebnisverantwortung, und das ist gut so. Wer mit seinem Journalismus etwas bewirken will, muss ihn gezielt einsetzen und dessen Erfolge kontrollieren. Ansonsten ist er nicht viel mehr als eine kostspielige Form der Selbstbefriedigung. Medienhäuser werden es sich künftig immer weniger leisten können, Ressourcen zu vergeuden. Im gerade anbrechenden Zeitalter von Künstlicher Intelligenz ist eine Strategie besonders wichtig. Wer da noch rein nach Bauchgefühl agiert und alles macht, nur weil man es machen kann, wird seine Redaktion überfordern und sein Publikum ohnehin. Journalisten, die strategisch denken können, tun sich zudem leichter mit einer Zukunft als Entrepreneure – eine Möglichkeit, die das Fach heute zum Glück eröffnet. 

Wissen über und Erfahrung in der Anwendung von KI

Künstliche Intelligenz eröffnet dem Journalismus große Chancen, birgt aber auch Risiken. Sie ist schon jetzt nützlich sowohl in der Recherche als auch in der Produktion und beim Ausspielen von Journalismus. Man kann damit unter anderem Quellen aufspüren, Interviews vorbereiten, datenjournalistisch arbeiten, Inhalte zielgruppengerecht entwickeln und personalisiert verteilen. „Journalisten aller Ressorts sollten sich mit KI beschäftigen“, sagte Garance Burke, Investigativ-Journalistin der Nachrichtenagentur AP in der vergangenen Woche auf dem IPI World Congress in Wien. Es ist aber auch wichtig, die Grenzen und Gefahren von KI zu kennen. Gibt es keine Kontrolle, kann sie dazu beitragen, Stereotype und Fehler zu potenzieren. Jede künstliche Intelligenz ist immer nur so gut wie der Datensatz, auf dem sie aufbaut.  

Kompetenz im Umgang mit Zahlen und Daten

Es soll noch heute Journalisten geben, die sich damit brüsten, in Mathe immer versagt zu haben. Möglicherweise gehören dazu einige derjenigen, die in der Wahlberichterstattung regelmäßig Prozent und Prozentpunkte verwechseln. Allerdings wird Datenjournalismus immer wichtiger werden, allein weil es immer mehr Daten gibt. Außerdem hilft Datenanalyse dabei, auf der Basis von Fakten ab und an mal die Agenda zu setzen, statt der Agenda anderer hinterher zu jagen. Gefragt, wie sich die Journalistenausbildung ändern müsse, riet Florencia Coelho, Ausbildungsredakteurin bei der argentinischen Zeitung La Nacion, auf dem IPI Congress vor allem eines: „Alle müssen lernen, mit Excel Tabellen zu arbeiten“.

Abgesehen von der Inhalte-Produktion kommt Datenverständnis auch in der Redaktion gelegen, wenn es darum geht, Nutzerzahlen zu analysieren und zu interpretieren. Je nach Strategie zeigen verschiedene Metriken, welche Inhalte erfolgreich sind und welche Mühe man sich sparen kann. Im Vorteil ist, wer solche Daten lesen und – noch besser – die Vorgaben entsprechend anpassen kann. 

Freude an kurzen oder spielerischen Formaten 

Im Journalismus sind in den vergangenen Jahren rund um Social Media und Datenanalyse viele neue Jobs entstanden. Dennoch ist der Traum vieler angehender Journalisten gleich geblieben: einmal eine Seite Drei schreiben. Das ist schade. Denn mit kurzen Formaten – insbesondere Video – spricht man Zielgruppen an, die der Journalismus früher eher ignoriert hat. Viele Menschen lassen sich zudem lieber auf komplexe Themen ein, wenn sie dies spielerisch tun können. Ein Beispiele dafür ist das von der Financial Times mit großem Aufwand produzierte Climate Game. Gerade junge Menschen nähern sich Nachrichten besonders gerne, wenn es lustig zugeht. Comedy-Formate sind gefragt. Das hunderte Zeilen lange Feature wird weiterhin Aufmerksamkeit finden, wenn es entsprechend erzählt ist. Aber mit der Vielzahl der Plattformen steigen die Möglichkeiten, Inhalte anders zu vermitteln. Gut für junge Absolventen ist: Wer neue Formen beherrscht, hat weniger Konkurrenz. Viele Redaktionen sind gut gefüllt mit versierten Schreibern. Wer Neues einbringen kann, ist gefragt.     

Faktenwissen zu Klimawandel und Nachhaltigkeit 

Der Klimawandel ist das größte vorhersehbare Risiko für die Menschheit. Redaktionen haben deshalb die Pflicht, ihr Publikum dabei zu unterstützen, zukunftsorientierte Entscheidungen für sich, ihre Kinder und ihr Umfeld zu treffen. Jede Journalistin, jeder Journalist braucht ein Basiswissen in diesem Feld, das sämtliche Ressorts durchzieht und nach Einordnung ruft. Redaktionen wie Radio France haben deshalb damit begonnen, sämtliche Mitarbeitende in Sachen Klimafakten zu schulen. In der Journalistenausbildung sollte die Wissensvermittlung zum Thema Nachhaltigkeit eine Selbstverständlichkeit werden.   

Kenntnisse im Projekt- und Change-Management

Man mag argumentieren, dass das Managen von Veränderungen Chefsache ist, und Journalistenschüler sind noch keine Chefinnen oder Chefs. Aber auch Berufsanfänger werden heute oft schon mit Projekten betraut, auch, weil sie sich Verantwortung wünschen. Bei der zum britischen Konzern Reach gehörenden Marke Birmingham Live war es zum Beispiel eine Volontärin, die den überaus erfolgreichen Newsletter Brummie Muslims entwickelte, der sich an die muslimische Bevölkerung richtet. Es ist deshalb nützlich, wenn schon junge Mitarbeitende wissen, wie man Projekte managt, Koalitionen schmiedet, Befürworter auf seine Seite zieht, Ergebnisse nachhält und mit Fehlern umgeht. All das ist kein Hexenwerk, es gibt Werkzeuge dafür, die sich immer wieder auspacken lassen. Je früher man sie beherrscht, umso selbstverständlicher wendet man sie an.     

Kenntnisse aus Kommunikationswissenschaft, Psychologie und Neurowissenschaften

Es gibt zahlreiche akademische Disziplinen, die dem Journalismus viel zu sagen hätten. Nur halten sich beide Seiten gerne auf Distanz. Man wirft sich gegenseitig Praxisferne beziehungsweise Oberflächlichkeit vor. Dabei könnten Praktiker und Forscher viel voneinander lernen. Für Journalisten ist es wichtig zu wissen, wie Menschen Informationen aufnehmen und verarbeiten, welche Reize wirken und welche überfordern. Schon lange forschen Wissenschaftler zum Beispiel zum Thema Nachrichtenvermeidung, erst seit kurzem wird dies von Redaktionen ernsthaft diskutiert. Journalisten fordern von anderen oft, dass sie sich mit der Wirkung ihres Tuns auseinandersetzen müssen, in Kommentaren verlangen sie dies zum Beispiel regelmäßig von den großen Tech-Konzernen. Es wird Zeit, dass sie diesen Rat auch selbst beherzigen.       

Diese Kolumne erschien am 31. Mai 2023 bei Medieninsider.


Die KI-Revolution: Darauf müssen Redaktionen aufpassen

Man muss nicht von Technik besoffen sein, um sich all die Potenziale auszumalen, die in der Entwicklung von Bots wie ChatGPT stecken – auch für den Journalismus. Der in dieser Woche erschienene Trend-Report des Reuters Institutes for the Study of Journalism erwartet gar ein „Jahr des Durchbruchs“ für den Einsatz Künstlicher Intelligenz in Redaktionen. Schon länger setzen viele von ihnen KI ein, vor allem für Leseempfehlungen, aber auch für automatisierte Textproduktion. Nun könnte der „Roboterjournalismus“ aber ein neues Level erreichen. 

Der im November gelaunchte Bot von Open AI beantwortet in Windeseile Fragen und hilft sogar bei der Erstellung von Interviewfragen. Er fasst Texte zusammen oder redigiert sie, er spuckt Literaturlisten aus und komponiert sogar Cartoons. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Der Bot von Open AI ist das, was man auf Englisch einen Game Changer nennt. Nimmt man dazu noch die Möglichkeiten, auf Basis von Recherchen animierte Filme zu produzieren, wie das zum Beispiel die Redaktion von Semafor ausprobiert, drängt sich der Eindruck auf: Bald ist alles möglich. 

Und genau hier liegt eine riesige Herausforderung für den Journalismus. Denn schon heute fehlt es in den meisten Medienhäusern vor allem an Fokus und an Klasse, keinesfalls an Masse. Je mehr möglich ist, umso wichtiger wird es zu entscheiden, was man tut, und was man lieber lässt. Einer Branche, die ohnehin lieber mit Bauchgefühl arbeitet als mit Strategie, wird genau das besonders schwerfallen. 

Die Chancen

Unter dem Strich dürfte KI dem Journalismus deutlich mehr nützen, als dass sie ihm schadet. Das JournalismAI Project an der London School of Economics ist ein Fundus entsprechender Innovationen, inklusive Trainingsprogramm. Gerade kleine Redaktionen profitieren von KI, weil sie kleineren Teams mehr leisten können. Software wird Routinearbeiten erledigen, während Reporter tiefer recherchieren – und auch das mit Hilfe von KI. Der Faktencheck wird einfacher, hyperlokale Berichterstattung möglich, Personalisierung von Inhalten und Kundenbindung leichter zu automatisieren.

Vielfalt und Inklusivität lassen sich besser erreichen, wenn Algorithmen dies kontrollieren oder gar steuern. Bei der kanadischen Globe and Mail zum Beispiel bestückt die Software Sophi die Homepage und stellt unter anderem sicher, dass ethnische Minderheiten inhaltlich repräsentiert sind. Anderswo machen automatisierte Übersetzungen auch in seltene Sprachen Beiträge neuen Zielgruppen zugänglich. Für diejenigen, die schlecht lesen können, gibt es Text-to-speech- Software, für solche mit Gehörproblemen maschinelle Transkription. Avatare können dieselbe Nachricht je nach Zielgruppe im entsprechenden Look, Stil, und Komplexitätsgrad vermitteln. Software wie Dall-E hilft dabei, komplexe Inhalte in Bilder zu pressen. Das bedeutet auch, dass verschiedene Audiences präziser bedient werden können. Die Hoffnung besteht, mit neuen Mitteln einen größeren Teil derjenigen zu erreichen, die das Nachrichtengeschehen bislang ignoriert haben – womöglich, weil sie sich nicht angesprochen fühlten.

Die Risiken

Natürlich bestehen auch Risiken. Die Gefahr wächst, auf manipulierte Inhalte hereinzufallen, denn davon wird es reichlich geben. Journalisten werden ihre Rolle als Gatekeeper neu ausfüllen müssen. Bislang sind die Bots darauf trainiert, plausible Inhalte abzuliefern, nicht 100 Prozent Faktentreue. Fachleute sagen, die Lernkurve der KI sei steil, die Fehlerquote sinke rasant. Aber derzeit kann vermutlich niemand mit Sicherheit sagen, ob die maschinellen Möglichkeiten zu mehr Lügengeschichten oder akkuraterer Qualitätskontrolle führen werden. Und natürlich fragen sich Journalisten, wie ihre Aufgaben und Arbeitsperspektiven sich entwickeln werden in einer Welt, in der Maschinen schneller und womöglich verständlicher schreiben und produzieren, als sie das je könnten.

Die Sorgen sind berechtigt. Vor allem jene Kolleg:innen, denen es an Lust, Zeit, Ressourcen und Energie zum Lernen fehlt, könnten am Ende leer ausgehen. Viele Jobs werden sich verändern. Viele Fähigkeiten, die früher nachgefragt waren, stellt die Technik über Nacht in den Schatten. Aber der Einzug von KI in Redaktionen birgt auch Gutes für den Arbeitsmarkt. Gelten Verlagshäuser zum Beispiel heute für Tech-Talente noch als angestaubt, könnten sie zu verlockenden Arbeitgebern werden, wenn KI-Versiertheit künftig zum Job-Profil gehört. Entsprechendes Know-how macht Journalisten auch für andere Branchen attraktiv und damit leichter vermittelbar. Redaktionsarbeit dürfte interessanter werden, wenn Roboter die Routine-Jobs erledigen. 

KI werde Medienunternehmen dabei helfen, „mehr mit weniger zu erreichen und Möglichkeiten in der Produktion und Verteilung besserer Inhalte zu eröffnen“, schreibt Nic Newman im Trend-Report des Reuters Institutes, der auf einer nicht-repräsentativen Umfrage unter Top-Führungskräften in Medienhäusern weltweit beruht. „Aber sie wird auch zu neuen Dilemmata führen, wie diese machtvollen Technologien ethisch und transparent genutzt werden können“, so Newman weiter. 

Eine Frage der Ethik

Wenn sich Journalisten künftig mehr mit Ethik beschäftigen müssen, um nicht von KI überrumpelt zu werden, ist das zunächst einmal eine gute Sache. Tatsächlich ist es zwingend überall dort, wo lernende Software Menschen ersetzt, denn werden Fehler und Vorurteile maschinell skaliert, sind die Schäden potenziell immens. Genauso wichtig wird es aber sein, dass Medienhäuser und Redaktionen ihre Ziele und die dazu passende Strategie penibel entwickeln. Schon bei der digitalen Transformation haben das viele versäumt. Etliches, was nach Innovation klang, wurde gemacht, ohne vorher zu überlegen, auf welche Weise es zum Erfolg von Produkten, Marken oder Missionen beitragen könnte. Man pilgerte lieber zur New York Times, als sich mit den Bedürfnissen der potenziellen Nutzer in der Nachbarschaft zu beschäftigen. So wurde viel Geld und Energie verbrannt. Diese Fehler gilt es zu vermeiden.

Die Versuchung, immer noch mehr zu produzieren, schlicht, weil es möglich ist, könnte eines der größten Probleme des Journalismus noch verschärfen. Laut dem Trend-Report macht die wachsende Nachrichtenmüdigkeit ihres Publikums schon jetzt 71 Prozent der befragten Führungskräfte Sorgen. Dieser kann man nicht mit mehr Masse begegnen, sondern mit Angeboten, die relevant und bedürfnisgerecht sind. Ob sie mit oder ohne KI erstellt werden sollten, das müssen Menschen entscheiden. 

Diese Kolumne erschien bei Medieninsider am 11. Januar 2023

Die Sprache der anderen: Automatisierte Übersetzungen könnten den Journalismus revolutionieren, aber wie?

Man kann „Fake News“ bekämpfen, indem man sie identifiziert, mit einem Warnhinweis versieht und richtigstellt. Man kann aber auch mit so viel vertrauenswürdigem, faktentreuem und anschaulichem Journalismus dagegen antreten, dass er den Lügen die Luft zum Atmen nimmt. Für Redaktionen ist das natürlich keine Entweder/Oder-Entscheidung, sie versuchen beides. Die European Broadcasting Union hat nun kürzlich ein Projekt aus der Abteilung „Oder“ vorgestellt: Sie will Klasse in Massen liefern und wird dazu Inhalte mit Hilfe von automatischen Übersetzungen über Länder- und Sprachgrenzen hinweg skalieren.

Das Projekt verspricht viel: Zehn öffentlich-rechtliche Sender aus Europa werden ab Juli besonders gute Stücke zu global wichtigen Themen wie Covid-19, Klimawandel und Migration einspeisen, die dann per Künstliche Intelligenz übersetzt und europaweit zur Verfügung gestellt werden sollen. In einer achtmonatigen Pilotphase hatten 14 Anstalten mehr als 120 000 Artikel auf diese Weise geteilt. Das hatte so gut geklappt, dass die EU nun mit einer Finanzspritze hilft. Die Bürger*innen könnten also künftig nicht nur von mehr verlässlichen Informationen profitieren, sondern auch von mehr Vielfalt, wenn die Sache gut läuft.

Tatsächlich könnten automatisierte Übersetzungen den Journalismus revolutionieren. Wer sich schon lange nicht mehr mit Texten abgemüht hat, die von Software in andere Sprachen übertragenen wurden, weil er die Ergebnisse eher unbefriedigend fand, möge das ruhig einmal wieder probieren. Künstliche Intelligenz, die nach dem Prinzip deep learning funktioniert, übersetzt mittlerweile Texte wie diesen hier binnen Sekunden ins Englische. Mit ein wenig Redigieren lesen sie sich dann – das muss hier leider gesagt werden – sehr viel besser als das, was man früher zuweilen von Übersetzer*innen zurückbekommen hat, die zwar einer Fremdsprache aber nicht unbedingt der journalistischen Form mächtig waren. Die KI-Produkte sind im wahrsten Sinne des Wortes erschreckend gut.

Noch bewegen sich die Roboter nur in wenigen Sprachräumen sicher, aber sie lernen. Und das Ergebnis wird den Journalismus prägen – allerdings in verschiedene Richtungen. Einerseits eröffnen die Tools den Verlagen neue Möglichkeiten. Waren bislang nur Redaktionen aus dem englischsprachigen Raum in der Lage, ihren Journalismus weltweit anzubieten, können dies künftig theoretisch alle tun, für die das kommerziell oder qua Mission sinnvoll ist. Nicht jedes Medienhaus wird sich so zu einer New York Times oder einem Guardian mausern können, aber die Optionen gerade für europaweite News-Portale wachsen rasant. Bei der Neugründung Forum.eu zum Beispiel übernimmt KI nach Schätzung von Mit-Gründer Paul Ostwald mittlerweile 60 Prozent der gesamten Übersetzungsleistung. Redaktionen könnten im eigenen Land Menschen mit anderen Muttersprachen leichter erreichen. Und die internationale Recherche dürfte deutlich leichter werden, wenn Reporter*innen auf diese Weise besseren Zugang zu Original-Dokumenten bekämen. Das Ganze funktioniert ja nicht nur für das geschriebene, sondern auch für das gesprochene Wort (was im Fernsehen derzeit noch zuweilen für lustige Untertitel sorgt).

Redaktionen haben allerdings schon begriffen, dass hier nicht nur ein gewaltiges Expansions-, sondern auch ein Sparpotenzial schlummert. Die Nachrichtenagentur Reuters schichtet schon länger Ressourcen um, zum Beispiel aus dem deutschsprachigen Dienst in Teile der Welt, die das wache Auge des internationalen Journalismus nötiger haben. Und natürlich ist das sinnvoll: Statt in Berlin einen deutsch- und einen englischsprachigen Kollegen auf dieselbe Pressekonferenz zu schicken, kann eine zusätzliche Kollegin beispielsweise auf den Philippinen echten Mehrwert schaffen. Schließlich lässt sich das Werk vom deutschen Termin auch schnell mal in die eine oder andere Richtung übersetzen.

Allerdings wird es genau an dieser Stelle kritisch. Sprache ist schließlich immer nur eine Verpackung für Inhalte, die im Kontext einer Kultur entstehen. Der exakt gleiche Sachverhalt kann sich komplett anders lesen je nachdem, wer ihn beschreibt. Als zum Beispiel Star-Dirigent Simon Rattle kürzlich bekannt gab, er werde 2023 als Chefdirigent zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wechseln, begeisterte das die deutschen Feuilletonist*innen. Las man am selben Tag den britischen Guardian, erfuhr man, dass Rattle seinen Vertrag beim London Symphonie Orchestra bis 2022 verlängert habe, ach so, und irgendwann werde er nach München gehen. Ein Ereignis, zwei Reporter*innen, zwei Welten, eine Übersetzung hätte in diesem Fall nicht geholfen.

Eine*n Auslandskorrespondent*in wird ein Übersetzungstool nicht ersetzen können – ihr oder ihm die Arbeit erleichtern allerdings schon. Das ist schlecht für all jene Stringer, Fixer und Lokaljournalist*innen, die rund um den Globus dafür sorgen, dass Journalist*innen die richtigen Informationen, Kontakte und Zugänge bekommen, ohne die sie auf fremdem Terrain oft aufgeschmissen wären. Es könnte ja jemand auf die Idee kommen, dass man sie erst als Übersetzer*innen und schließlich überhaupt nicht mehr braucht. Schon jetzt leisten sich nur noch wenige Redaktionen ein Netz an Reporter*innen fern der Heimat. Ein leichterer Zugang zu allen Sprachen der Welt dürfte diese Entwicklung beschleunigen – verursacht hat er sie nicht. 

Wie bei vielem, was neue Technologien bieten, gilt es, im Besonderen einer Versuchung zu widerstehen: Dass man machen muss, was man machen kann. Inhalte per KI zu übersetzen, nur weil es funktioniert, ist noch keine Strategie. Welches Publikum will man mit welchen Inhalten erreichen, und was soll das bewirken? Hat man eine Mission, ein Geschäftsmodell oder einfach nur Spaß daran? Schon sind sie wieder da, diese Fragen, die keine KI beantworten kann.

Diese Kolumne erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 5. Februar 2021.

Ein Werte-Algorithmus für Schwedens Radio – Wo bleibt die Innovation im deutschen Journalismus?

Der schwedische öffentlich-rechtliche Rundfunk nimmt seinen Aufklärungs- und Bildungs- Auftrag äußerst ernst. Dazu gehört zum Beispiel, dass Redakteurinnen und Redakteure dort keine Kommentare verfassen dürfen. „Wir sind für die Fakten da“, betont Radio-Intendantin Cilla Benkö regelmäßig bei öffentlichen Auftritten. Dies entspreche den Werten von Public Service Medien. Künftig möchte Sveriges Radio (SR) das Ringen um diese Werte nicht mehr nur allein den Kolleg*innen überlassen. Ein eigens für den Sender entwickelter Algorithmus soll dafür sorgen, dass es in den digitalen Angeboten mehr Vielfalt und Personalisierung gibt. Dies soll den Journalismus für ein breiteres Publikum interessant machen.

„Wir sind davon überzeugt, dass das neue Modell die Qualität unseres Journalismus verbessert“, schreibt der Chefredakteur für Digitales, Olle Zachrison, in einem Blog Post der London School of Economics, wo er am Forschungsprojekt Journalismus und Künstliche Intelligenz beteiligt ist. Dies gelte nicht nur für die Verpackung und Verteilung, sondern auch für die Inhalte der einzelnen Geschichten.

Man kann dies getrost eine starke journalistische Innovation nennen – oder auch einen Angriff aufs journalistische Bauchgefühl. Denn wenn man ehrlich ist, trifft die Intuition, auf die Redakteur*innen jahrzehntelang so stolz waren, nicht immer die beste Entscheidung im Sinne der Allgemeinheit. Weil Redaktionen gemeinhin nicht sehr divers sind, ist es auch ihr Output oft nicht. Und statt die algorithmische Auswahl von Inhalten den Plattform-Konzernen zu überlassen, die nach ihren eigenen Bedürfnissen optimieren, geht SR nun in die Offensive und baut das: einen Algorithmus mit Werten.

Nach welchen Kriterien die schwedischen Kolleg*innen ihn füttern, lässt sich am besten in Zachrisons Text nachlesen. Aber dass so etwas passiert, ist fast noch interessanter als das „Wie“. Immerhin befindet man sich in einer Branche, die zwar in allerlei an „die Politik“ gerichteten Kommentaren lautstark Innovationsfreude einfordert, sich aber selbst an vielen Orten eher durch das Gegenteil auszeichnet – zum Beispiel in Deutschland.

Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls ein jüngst veröffentlichtes Gutachten im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. „Die Innovationslandschaft des Journalismus in Deutschland“, heißt es nüchtern, aber die Botschaft ist eindringlich: An neuen Ansätzen und Projekten, die die von Krisen geprägte Branche wirklich weiterbringen, fehle es allerorten. Die Autoren Christopher Buschow und Christian-Mathias Wellbrock nennen eine lange Liste von Gründen dafür. Ein Mangel an Gründergeist und Talenten, Defizite in der Ausbildung, eine fehlende Verzahnung von Forschung und Praxis, träge etablierte Verlage, rechtliche Hürden sowie eine dem journalistischen Berufsstand eigene skeptische Grundhaltung gehörten dazu. Außerdem fehlten Kapitalgeber*innen mit längerem Atem. Allerdings seien Netzwerke der Innovation am Entstehen, beobachten die Autoren, die ihren Job schlecht gemacht hätten, würden sie nicht eine ebenso lange Liste an Verbesserungsvorschlägen liefern.

Nun wäre es ungerecht, die Medienszene in Deutschland in einer Art Dämmerschlaf zu vermuten. In vielen großen Häusern gibt es hoch innovative Abteilungen mit dem Potential, andere anzustecken, und hier und da gedeihen spannende Start-ups. Aber die Dringlichkeit, etwas für die Zukunft des Journalismus als solches zu tun, wird noch nicht überall gesehen. Die großen Marken sind weitgehend mit sich selbst und ihren Interessen beschäftigt, statt sich zu verbünden. Anders als in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel Österreich, hat man die Förderung von journalistischen Innovationen viel zu lange allein Google und Facebook überlassen – um sich dann gerne über die Abhängigkeit von den amerikanischen Konzernen zu beschweren. Und anders als zum Beispiel in den USA spielen Stiftungen bei der Unterstützung von Journalismus, Journalisten-Ausbildung und Journalismus-Forschung nur eine untergeordnete Rolle.

Selbst wenn es dann Geld gibt, weiß niemand so recht, wie man es verteilen soll. Es ist bezeichnend, dass die Bundesregierung den Verlagen im Nachtragshaushalt zum Corona-Paket im Juli für die kommenden Jahre 220 Millionen Euro für die digitale Transformation zugesagt hat, ohne dass dafür bislang das Geringste eines Konzepts bekannt geworden ist. Man kann von kräftiger Lobbyarbeit im Hintergrund ausgehen. Wie genau definiert man schließlich digitale Transformation?

Anfangen kann man bei so einer Aufgabe immer mit dem erwünschten Ergebnis. Es muss um einen Journalismus gehen, der mehr Menschen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit inhaltlicher Qualität erreicht, als dies der gegenwärtige tut. Es geht um Inhalte, Ausbildung, Technologie und Werte. Sich die Hoheit über die Algorithmen zurückzuerobern, wie dies Sveriges Radio macht, ist dabei ein wichtiger Schritt. Starker Journalismus für alle – in der digitalen Medienwelt steht das Projekt noch am Anfang.

Dieser Text erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 2. Oktober 2020.

Wirecard:Eine Pleite – auch für den (deutschen) Wirtschaftsjournalismus

Man könnte sagen, im Nachhinein sind alle schlauer. Im Vorhinein war es nur die Financial Times (FT). Wer die Timeline der Ereignisse rund um den Niedergang des im Dax gelisteten und nun insolventen Finanzdienstleisters Wirecard liest (die FT bietet das Stück ausnahmsweise gratis an), erschrickt schon ein wenig ob der Arglosigkeit vieler Beteiligter, seien es der Wirtschaftsprüfer EY, die deutschen Finanzbehörden – oder heimische Wirtschaftsjournalisten. Statt angesichts der ausdauernden und intensiven Recherchen des britischen Pflicht-Mediums für Wirtschafts- und Finanzakteure hellhörig zu werden, neigte man hier der Sicht der Behörden zuzustimmen, die dem britischen Reporter Dan McCrum unlautere Arbeit vorgeworfen hatten. Sogar die Staatsanwaltschaft München ermittelte gegen den Journalisten. Im Februar zeichnete der Branchendienst Meedia
die Auseinandersetzung um die FT-Berichterstattung nach.

Nun gebührt den FT-Kolleg_innen um McCrum Ehre, ein paar Preise werden wohl drin sein. Großes Lob verdient auch die Chefredaktion, die sich trotz aller Angriffe von außen klar vor das Team stellte. So soll es sein. Als nächstes fragt man sich allerdings: Warum haben Journalist_innen in Deutschland nicht aufgemerkt? Waren sie zu nah dran, oder eher zu weit weg? Denn wenngleich ein Journalist aus London die Story ausgegraben hatte, fand er Unterstützung in Südostasien, wo sich kaum ein deutsches Medienhaus noch Korrespondent_innen leisten kann (die FT hat dort fünf festangestellte Reporter_innen und mehrere Stringer_innen).

Einer der Gründe dürfte sein, dass noch immer zu viel „Er hat gesagt, sie hat gesagt“-Journalismus betrieben wird, vor allem hierzulande. Man betrachtet es schon als Scoop, wenn ein Behördenvertreter oder ein anderer Offizieller einem etwas steckt, das andere nicht wissen. Das hat man dann „exklusiv“. Bernd Ziesemer, ehemals Chefredakteur des Handelsblatts, hat diese Dynamik in einem Gastbeitrag gut beschrieben – der erschien bezeichnenderweise in der FT. Professionelle Kommunikator_innen wissen und nutzen das, indem sie mal dieses, mal jenes Medium bedienen und auf diese Weise gewogen halten.

Da Medienhäuser die Konkurrenz untereinander immer noch als Treiber von Innovation betrachten, geben sich Journalist_innen mit solchem Ruhm auf Zeit zufrieden. Ihrem Publikum dienen sie damit eher nicht. Das hätte im Fall Wirecard von einer schnelleren Aufklärung profitiert – zumindest die wichtigen Fonds hätten dann wohl ihre Posten zeitiger umgeschichtet und Anleger_innen vor herben Verlusten bewahrt. Kein Wunder, dass sich deutsche Mediennutzer_innen in Umfragen einigermaßen skeptisch dazu äußern, ob Journalist_innen mächtige Personen und Unternehmen ausreichend kontrollieren. Nur 37 Prozent gaben das in der deutschen Stichprobe des Digital News Report 2019 zu Protokoll, jüngere Leute waren noch deutlich skeptischer.

Große investigative Recherchen scheitern einerseits oft daran, dass dafür nur die wenigsten Redaktionen Kapazitäten haben. Andererseits fehlen vielen Reporter_innen dafür auch Handwerk und Training. Wie man sich Schritt für Schritt an eine Hypothese heran arbeitet und dann genügend Material und Daten anhäuft, um sie zu belegen oder zu verwerfen, lernt man nicht, wenn man im Volontariat stundenlange Newsdesk-Dienste absolvieren, im Akkord Seiten bauen oder Agenturen plus Google zu sendefähigem Material verquicken muss. Und mit ein, zwei schnellen Interviews zwischendurch ist es auch nicht getan.

Die Journalisten-Ausbildung sollte sich deshalb lieber früher als später darauf werfen, Reporter_innen in investigativen Methoden zu trainieren. Denn die Zukunft des Journalismus liegt genau auf den Feldern, auf denen andere nichts zu bieten haben in einer Welt, in der jeder veröffentlichen kann. Kommentieren kann jede/r Blogger_in, wenngleich nicht immer so, wie man das auf der Journalistenschule lernt. Auf künstliche Intelligenz gestützte Programme werden früher oder später in der Lage sein, Meldungen aller Arten selbst zu schreiben. Selbst einfache Interviews können Bots schon führen, die Homepage bestücken sowieso. Aber in mühevoller Denk- und Such-Arbeit Missständen auf die Spur zu kommen, und dies mit unabhängiger Perspektive zu tun, für diese Aufgaben ist kein anderer Berufszweig gleichermaßen ausgestattet.

Außerdem sollten Medienmarken genau darüber nachdenken, wen sie als Konkurrent_innen und wen als möglichen Kooperationspartner_innen betrachten. Investigativer Journalismus ist häufig teuer und aufwändig, da geht es nicht ohne Zusammenarbeit. Nun muss nicht jede Recherche in Projekte à la Panama Papers ausufern – die Großrecherche wäre ohne das beteiligte internationale Journalisten-Konsortium gar nicht möglich gewesen. Aber im Sinne der Bürger_innen zu denken heißt oft, alte Eitelkeiten über Bord zu werfen. Man kann Stoffe dann immer noch so aufbereiten, dass sie vor allem die eigenen Nutzer_innen begeistern. In der digitalen Informations- und Ablenkungswelt konkurrieren Medienmarken häufig nicht mehr gegen einen anderen Verlag. Ihr größter Gegner ist die Abstinenz des Journalismus.

Dieser Kommentar wurde am 2. Juli im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School veröffentlicht.

Job Titel: Managing Roboter

Automatisierung in der Redaktion, für manch einen mag das nach Arbeitsplatzabbau klingen. Tatsächlich kann sie Medienhäusern beim Überleben helfen und den Journalismus verbessern. Es kommt ganz darauf an, was man damit macht.   

Wenn Unternehmen jetzt für Produkte werben, die Corona im Titel tragen, stellt sich zuweilen Misstrauen ein. Schließlich gilt: Keine Krise ohne Krisengewinnler, und nicht jeder hat das Gewinnen verdient. Brauchen Redaktionen also „Corona Watch“? Der Bot wertet automatisch wichtige Quellen zur Krisenlage aus und alarmiert Redakteure und Reporter über einen Slack Channel. Die Redaktion legt vorher Quellen und Kriterien fest.

Die Redaktion der schwedischen Tageszeitung Aftonbladet findet: ja. Chef vom Dienst Michael Poromaa sagt, das Tool entlaste sein Team nicht nur, es verschaffe ihm auch einen Wettbewerbsvorteil. Man hätte sonst 21 Seiten der lokalen Gesundheitsbehörden ständig selbst aktualisieren müssen, so Poromaa. „Vorher waren wir oft maximal die zweiten, die über neue Fälle berichtet hatten, jetzt sind wir die ersten.“

Entwickelt hat „Corona Watch“ die schwedische Firma United Robots, die diverse automatisierte Lösungen für Redaktionen anbietet. Aftonbladet sei mit der Idee gekommen, innerhalb eines Tages habe man sie umgesetzt, sagt Cecilia Campbell. Campbell berät United Robots, zuvor hat die Journalistin Redaktionen für die World Association of News Publishers (Wan-Ifra) beim Aufbau von Bezahlangeboten unterstützt. In Skandinavien hat man wenig Berührungsängste, was den Roboter-Journalismus angeht, im Gegenteil. „Wer es sich noch leisten kann Journalisten einzustellen, setzt sie lieber auf größere Recherchen an“, sagt Campbell. Viele einfache Aufgaben hingegen könne man gut an Roboter auslagern.

Viele Verlage glauben, dass Automatisierung der Branche beim Überleben helfen kann. Stefan Aberg zum Beispiel leitet ein Team von gerade einmal zwei Dutzend JournalistInnen beim schwedischen Medienhaus VK Media. Es sei unmöglich, damit alle Kundenbedürfnisse zu erfüllen, sagte er 2019 auf einer Konferenz. Die Lösung: „Wir bauen eine Armee von Robotern.“ Man habe Bots für alles Mögliche: Wetter, Verkehr, Grundstücksverkäufe, Sportwettkämpfe. Seitdem die Redaktion sie großflächig verwende, sei die Zahl der Digital-Abonnenten um 70 Prozent gestiegen.

Schon heute setzen Redaktionen überall auf der Welt künstliche Intelligenz ein. Die größte Rolle spielt sie bislang im Marketing. Bots machen Leserinnen und Lesern automatisiert Abo-Angebote oder beliefern sie mit personalisierten Inhalten. Manch einer sagt, sie hören dem Publikum besser zu als Journalisten, weil sie Daten entsprechend schnell auswerten können. Einige Redaktionen trauen künstlicher Intelligenz zu, ihre Homepages besser und vorurteilsfreier zu bestücken, als sie das selbst schaffen würden. Die kanadische Globe and Mail zum Beispiel lässt von Software sicherstellen, dass täglich auch Inhalte „vorne“ spielen, die für Minderheiten interessant sind. Auch bei Projekten des Datenjournalismus und bei der Überprüfung von Fakten kommt Automatisierung häufig zum Einsatz. Manch eine Redaktion lässt von Bots feststellen, ob das Geschlechterverhältnis der zitierten Quellen ausgewogen ist.

Deutlich weniger Medienhäuser delegieren das Texte-Schreiben an Roboter. Diese Möglichkeit setzen vor allem Nachrichtenagenturen ein, denn sie müssen eine Grundversorgung bieten und deshalb viele Routine-Arbeiten erledigen. Die amerikanische AP gehörte zu den ersten Anwendern, die Quartalsberichte von Unternehmen automatisch erstellen ließ. Wo Reporter früher ein paar Hundert Firmen abdeckten, kommen Roboter heute auf ein paar Tausend im Vierteljahr. Die Washington Post hat ihre Wahlberichterstattung mit Hilfe von KI-Tools massiv ausgebaut.

Droht den Redaktionen damit ein Kahlschlag? Es sagt viel über den Zustand der Branche aus, dass nicht einmal die Gewerkschaften den Roboter-Journalismus als Teufelszeug verdammen. Job-Abbau und Sparprogramme gibt es schon seit Jahren, jetzt geht es darum zu retten, was zu retten ist. Und das schaffen Redaktionen am besten, indem sie ihre Kunden flächendeckend bedienen – mit exklusiven, von Reportern recherchierten Geschichten und beliebter Standardware gleichermaßen. Zu letzterer Kategorie gehören die lokal angepassten Wetter- und Stauberichte, um sie zu erstellen, muss niemand jahrelang zur Journalistenschule gehen.

Je früher sich Redaktionen mit den Möglichkeiten von KI und Roboter-Journalismus befassen desto besser. Denn wer sich gut auskennt, lässt sich seltener Lösungen andrehen, die kein Mensch braucht. Es geht schließlich darum, den eigenen Journalismus besser zu machen. Und das wird er nicht, wenn man Leserinnen und Leser nur mit Masse erdrückt. Außerdem hilft ein Blick auf eine Ethik-Checkliste, wie sie der ehemalige AP-Journalist und Berater Tom Kent erarbeitet hat. KI-Journalismus ist immer nur so gut, wie die Daten sind, mit denen er gefüttert wird und die Vorgaben, die ihm gemacht werden.     

United Robots bietet übrigens auch ein Tool für Sportredaktionen an. Nach dem Spiel schickt es Trainern automatisch Interview-Fragen, sie orientieren sich am Spielverlauf. Aus den Antworten bastelt der Bot einen Text. Sportreporter müssten sich also gar nicht groß umstellen, sobald es wieder Wettkämpfe gibt. Sie könnten sich weiterhin auf all die hintergründigen Geschichten konzentrieren, die ihnen gegenwärtig so gut gelingen. Den Nach-dem-Spiel-Bericht schriebe Kollege Roboter. Dem Journalismus täte das gut.

Copyright: Alexandra Borchardt 2020, Beitrag für einen Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School.

Zum Weiterlesen:

Vom guten Ton – Wie Sprachassistenten die Gesellschaft verändern könnten

Wie sich das mit der Höflichkeit entwickeln wird, ist noch nicht ganz ausgemacht. Die einen vermuten, dass wir uns die Welt künftig nur noch im Befehlston erobern. „Alexa, bestell mir Pizza Funghi!“, „Google, weck mich morgen um sieben!“ – noch verstehen die Sprachroboter, die uns zunehmend umgeben, klare Ansagen am besten. Und wenn man nicht aufpasst, kann das leicht zu „Martin, bring den Müll runter!“ werden, was Martin nicht ganz so entspannt kommentieren dürfte wie die nette Stimme aus dem Off.

Andere hingegen meinen zu beobachten, dass Nutzer der Spracherkennung ihre Wünsche von sich aus gerne mit einem „Bitte“ beenden. Und schließlich sei es kinderleicht, dem Roboter einzuprogrammieren, dass er einem ein solches Höflichkeits-Signal abverlangt, bevor er im Sinne des Auftraggebers tätig wird. Das werde eine neue Generation von höflichen Kindern heranziehen, die der Oma dann sprachlich mit genauso viel Respekt begegnen würden wie Alexa und Co., vermuten manche. Beide Thesen werden sich in wissenschaftlichen Arbeiten überprüfen lassen, denn Daten dürften bald reichlich zur Verfügung stehen.

Wie die Voice Technologie den Umgang mit dem Internet und damit womöglich die Gesellschaft verändern kann, wird sich schwieriger überprüfen lassen. Einerseits könnte sie zum großen Demokratisierer werden, den digitalen Graben überbrücken und alle ans Netz anschließen, denen das Digitale bislang zu fremd, zu kompliziert oder aus anderen Gründen verschlossen war. Andererseits könnte es uns zu noch beflisseneren Vasallen der mächtigen Plattform-Konzerne machen: durchschaubar, denkfaul und orientierungslos.

Die optimistische Variante geht so: Künftig muss man sich weder über ein Smartphone beugen noch auf einen Bildschirm starren, um sich in der vernetzten Welt kompetent zu bewegen, ja man muss noch nicht einmal lesen und schreiben können. Wer sich sprechenderweise bemerkbar machen und Wünsche äußern kann, hat Zugang zu allen Dienstleistungen, die über das Internet zur Verfügung stehen – vorausgesetzt, der Roboter erkennt nicht nur die Sprache sondern auch den jeweiligen Dialekt. Damit könnten auch Analphabeten online tätig werden. Geschätzt haben 700 Millionen Menschen mehr oder weniger große Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben, also etwa jeder zehnte.

Aber auch diejenigen, denen „all der Digitalkram“ bislang zu kompliziert war, könnten Gefallen daran finden. Das betrifft übrigens nicht nur Großeltern. Deren digitale Beweglichkeit ist, getrieben von der Sehnsucht nach den Enkeln, mitunter erstaunlich ausgeprägt. Nutzer jeden Alters, denen das geschriebene Wort noch nie viel bedeutet hat, denen Fingerfertigkeit, Sehkraft oder schlicht die Muße fehlen, mit kleinen Bildschirmen zu hantieren, lassen sich womöglich lieber auf eine Art Dialog mit Maschinen ein.

Hinzu kommt, dass der Blick aufs Gerät bei manchen Tätigkeiten schlicht gefährlich sein kann. Das betrifft vor allem das Navigieren im Straßenverkehr. Fast jeder hat schon diese vermeintlich lustigen Videos gesehen, bei denen Fußgänger, den Blick gen Smartphone gesenkt, gegen Laternenpfähle donnern oder in Tümpel stolpern. Allerdings zeigt auch die Kurve tödlicher Autounfälle nach Jahrzehnten des Absinkens wieder nach oben. Ablenkung durchs Handy gilt als ein gewichtiger Grund dafür.

„Spracherkennung lässt die Technik in den Hintergrund treten, ja unsichtbar werden“, sagt Nic Newman, Tech-Forscher und Autor der Studie „The Future of Voice and the Implications for News“des Reuters Institutes for the Study of Journalism. Das werde den Umgang mit dem Internet spielerischer machen und viele neue Angebote hervorbringen.

Die schlauen Geräte lenken nicht so ab wie ständig blinkende Screens, sie bleiben stumm und unaufdringlich, solange man nichts von ihnen will. Sie machen deshalb vermutlich auch weniger süchtig als Smartphones, wenn man denn in diesem Zusammenhang von Suchtverhalten sprechen kann. Mal schnell nachschauen, ob es nicht doch irgendetwas Neues gibt, diesen Reflex sollten sie jedenfalls weniger auslösen als ein Gerät, das mit visuellen Reizen arbeitet. „Wir verbringen alle viel zu viel Zeit mit Bildschirmen. Unsere Augen und Gehirne sind müde, wir sind von kleinen rechteckigen Geräten abhängig geworden“, sagt Newman, „Spracherkennung wird uns davon befreien und dem Menschen die Kontrolle zurückgeben.“       

Aber Experten wie Newman halten die Technik nicht nur deshalb für transformativ. Insbesondere Menschen, die motorisch eingeschränkt sind, könnten massiv von ihr profitieren. Der britische Landkreis Hampshire testet gerade in einem Pilotprojekt, in welchem Ausmaß smarte Hör-Geraete und ihre Chatbots Behinderten und Betreuungsbedürftigen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen können, um sie zum Beispiel an Medikamente zu erinnern, Hausgeräte zu steuern oder im Notfall Botschaften weiterzuleiten – nicht, um Pflegepersonal zu ersetzen, sondern Hausbesuche zu ergänzen, wie das zuständige Amt versichert.

Generell senkt die Technik die Hemmschwelle für Bürger, sich an ihre Gemeinde oder andere öffentliche Stellen zu wenden. Es kostet die meisten Menschen weniger Überwindung, mal eben in ein Gerät zu sprechen, um etwas zu fragen oder zu melden, anstatt sich zu dem zuständigen, womöglich schlecht gelaunten Sachbearbeiter durchzufragen oder ein Formular auszufüllen. Wenn es denn funktioniert.

Die Chancen dafür stehen recht gut. Der technische Fortschritt auf dem Feld ist gewaltig, die Software der Geräte wird dank der ständigen Fütterung mit Daten immer besser. Vor allem im Handel ist ein Wettlauf im Gange, um den Kunden mit Sprach-Dienstleistungen abzuholen, wie es so schön heißt, und das hoffentlich schneller als die Konkurrenz. Der Marktforscher Gartner prognostiziert, dass die Firmen, die früh in Voice Technologie investieren, ihren Einzelhandels-Umsatz um 30 Prozent steigern können. 2021 dürfte jede zweite Firma mehr in Bots und Chatbots investieren als in Apps.

Allerdings, und jetzt kommen die Warnhinweise, gibt es auch ein paar Risiken. Das bekannteste betrifft den Datenschutz. „Smart talking: are our devices threatening our privacy“, überschreibt der britische Guardianeinen Text von James Vlahos, und man möchte rufen: „Ja was denn sonst?“ Dass die Smart Speaker das Smartphone in seinen Spionage-Fähigkeiten noch um einiges übertreffen, ist mehr als offensichtlich. Denn weil sie passiv im Hintergrund „lauern“, vergisst man gerne, dass es sie gibt. Ausschalten geht zwar, aber es beraubt sie ihrer Funktion. 

Vlahos‘ Stück ist ein Vorabdruck aus seinem Buch, dessen Titel „Talk to Me: Apple, Google, Amazon and the Race for Voice-Controlled AI“ (Random House Penguin, 2019) auf einen Blick klar macht, wer diese neuen Zufahrtsstraßen zum Internet kontrolliert. Zwar beteuern die genannten Konzerne auf allerlei Weise, wie sie die Privatsphäre ihrer Kunden zu schützen gedenken, aber dennoch ergeben sich einige ethische und juristische Probleme aus der rasant wachsenden Anwendung der Geräte. So zitiert Vlahos einen Jura-Professor der Fordham Law School in New York, Joel Reidenberg, der sagt: „Wenn Sie ein Gerät installiert haben, das zuhört und Daten an Dritte überträgt, haben Sie Ihr Recht auf Privatsphäre verwirkt.“ So schnell kann es dahingehen mit den Bürgerrechten.

Und wer ist dafür verantwortlich, eventuell Hilfe zu alarmieren, wenn zum Beispiel ein Kind seiner mit einem Sprachempfänger ausgestatteten Barbie-Puppe anvertraut, jemand habe es seltsam angefasst? Man kann gewiss sein, dass sich bereits jetzt reihenweise Anwälte mit dem Thema beschäftigen. Wie man weiß, übernehmen die großen Datenkonzerne ungerne Verantwortung für das, was sie auslösen, wenn die Folgen denn negativ sind. Ganz abgesehen davon, dass die Gefahr des Hackens mit der Zahl der Gegenstände wächst, die kontinuierlich Daten zum Nutzerverhalten übermitteln, ob das nun die Mikrowelle, die Heizung oder das Auto ist.

Allerdings gibt es noch ein paar weniger offensichtliche Fragezeichen zur Voice Technologie als die Sorge um die Privatsphäre. Denn einerseits ist es natürlich wunderbar, wenn Dinge einfacher werden. Andererseits könnte es auch dazu führen, dass wir bestimmte Hirnregionen nicht mehr trainieren, wenn wir uns nur noch in den Wunsch- und Erwartungsmodus begeben. Schon heute werden ohne Google Maps selbst diejenigen unter uns schnell orientierungslos, die jahrzehntelang problemlos mit Hilfe von Stadtplänen und Landkarten ihren Weg gefunden haben. Bestimmte kognitive Kompetenzen bilden sich offenbar schnell zurück. Und das könnte auch für das Lesen und Verstehen von Texten gelten. Nicholas Carr hatte sich über diesen Effekt in seinem Buch „The Shallows – What the internet is doing to our brains“ (W. W. Norton, 2011) schon lange vor dem Siegeszug der Spracherkennung ein paar Gedanken gemacht.  

Die Vermutung liegt nahe: Wer sich regelmäßig von Alexa oder Google Home den Nachrichten-Überblick vorlesen lässt – der natürlich je nach Auswahl von der BBC, der Tagesschau oder anderen Redaktionen stammt – mag sich womöglich nicht mehr mit ausführlicherer Lektüre zum Tagesgeschehen beschäftigen. Zwar haben Radio und Fernsehen diesen Effekt auch schon geliefert, aber der smarte Lautsprecher lässt sich wie das Smartphone für so viele Funktionen nutzen, dass die Information nur eine davon ist. Laut Newmans Studie interessieren sich zwar eine ganze Menge Voice-Nutzer für die Nachrichten, aber nur ein Prozent von ihnen findet dieses Angebot auch wichtig. Der weit überwiegende Teil der Konsumenten nutzt die Geräte bislang vor allem fürs Musikhören auf Kommando.

Ein Trend dürfte sich verstärken: Vieles im Netz befeuert unsere Bequemlichkeit und unsere Ungeduld gleichermaßen, alles muss schnell und ohne viel Mühe in unsere Nähe gelangen. Das offensichtlichste Zeugnis davon sind vermutlich die Fahrradboten von Lebensmittel-Bring-Diensten, die sich in vielen Städten so schnell vermehren, wie man es von den dazu passenden Radwegen gerne hätte. Der Weg vom Hunger zum Essen führt immer seltener über den Supermarkt und die Küche zum Teller, mundgerechte Lieferung wird zum Standard und das durchaus auch im übertragenen Sinne.

Absehbar ist zudem, dass sich die Macht im Internet weiter auf wenige große Plattform-Konzerne konzentriert. Eine Google-Suche am Bildschirm fördert zuweilen Tausende, sogar Millionen Treffer zutage, selbst wenn sich die Wenigsten die Mühe machen, auf die vierte Seite der Suchergebnisse zu gehen. Das Voice-Gerät hingegen lässt exakt eine Antwort zu, wenn man keine weitere anfordert. Scott Galloway, Professor der New York University, hat deshalb schon prognostiziert, dass Spracherkennung der Tod des Markenartikels sein könnte. Der Kunde werde vermutlich eher Produktkategorien ordern („Ich brauche Zahnpasta“) als Markenartikel, der dahinterliegende Händler könne dann seine Lieferanten entsprechend preislich unter Druck setzen. Das Ergebnis ist ein Verdrängungswettbewerb, der sich zugunsten der ohnehin schon Starken entscheiden dürfte, doch die werden in Maßen profitieren. Denn der Kunde wird Markennamen im akustischen Raum kaum noch wahrnehmen.

Eine große Herausforderung dürfte die Sprache selbst sein. Im englischsprachigen Raum mag die Spracherkennungs-Technik als rundum positiv gesehen werden, dort setzt sie sich rasant durch. In den USA und Großbritannien nutzt schon mindestens jeder Zehnte einen Smart Speaker, immerhin sind die Geräte derzeit schon für 21 Sprachen in 36 Ländern erhältlich. Aber es wird noch eine Weile dauern, bis auch der letzte Dialekt verstanden wird. Außerdem haben die Lautsprecher noch Schwierigkeiten damit, Stimmen zuzuordnen oder Wünsche im Zusammenhang zu begreifen. (Wer daheim Alex oder gar Alexa gerufen wird, stiftet vermutlich besonders viel elektronische Verwirrung.)  

Ob die Boxen ihre Nutzer wirklich verstehen, hängt stark davon ab, wieviel sich diese mit ihnen abgeben. Denn die Technik lernt umso besser, je mehr Daten sie verarbeiten kann. Ob sie den Menschen allerdings jemals in der ganzen Komplexität seiner Kommunikation „begreifen“ wird, lässt sich getrost bezweifeln. Zu der gehört schließlich viel mehr als nur die Sprache. Manchmal verstehen wir uns schließlich nicht einmal selbst.      

Dieser Text erschien in leicht veränderter Form in „ada – Heute das Morgen verstehen“, Ausgabe 02/2019