Mit Technologie zu neuer publizistischer Qualität

Der Journalismus wurde schon totgesagt, dabei ist das Internet für ihn auch eine große Chance. Fünf Anmerkungen zu Technologie und Journalismus.

Mit Mondlandungen hat es Martin Baron, Chefredakteur der Washington Post, nicht so, mit Rollkoffern umso mehr. Der Menschheit sei es eher gelungen, jemanden zum Mond zu schicken, als Gepäck mit Rollen zu versehen, sagte er in der vergangenen Woche bei einem Vortrag in Wien. Dabei sei das mit den Rollen viel wichtiger. „Das war zwar nicht so aufregend, aber es hat das Leben besser gemacht.“

Seine Botschaft auf dem Global Editors Network (GEN) Summit: Es geht nicht darum, den Journalismus neu zu erfinden, denn es gibt sie ja schon, die großartigen Recherchen, Reportagen und welterklärenden Stücke. Aber all das so unter die Leute zu bringen, dass sie es gerne, jederzeit und auf allen Kanälen lesen, schauen oder hören können, ist die tägliche Herausforderung.

Skepsis gegenüber ungefilterten Informationen wächst

Nun hat die Washington Post den Vorteil, mit Amazon-Gründer Jeff Bezos als Eigentümer einen Geldgeber zu haben, der ziemlich viele Koffer ins Rollen bringen kann und augenscheinlich auch noch Lust dazu hat.

Ein großer Teil der Medienbranche, deren Geschäftsmodell durch sinkende Werbeerlöse unter Druck geraten ist, kann davon nur träumen. Aber Fakt ist: Neue Technologien eröffnen dem Journalismus so viele Möglichkeiten wie nie zuvor. Und der weiß es zunehmend zu schätzen.

Die Skepsis gegenüber all der ungefilterten Information aus dem sozialen Netzwerken wächst. Nur noch jeder vierte Online-Nutzer verlässt sich darauf, dass dort zwischen wahr und falsch unterschieden wird, hat der in der vergangenen Woche veröffentlichte Digital News Report des Reuters Instituts for the Study of Journalism an der Universität Oxford ermittelt. Vor allem die unter 35-Jährigen sind bereit, für journalistische Qualität zu zahlen.

Nun darf man sich nicht blenden lassen. Konferenzen wie der GEN Summit sind Treffen der Erfolgreichen. Jeder präsentiert seine neusten Entwicklungen und sich selbst im besten Licht, der Redaktionsalltag sieht oft anders aus. Ganz zu schweigen davon, dass Repressionen gegen Journalisten weltweit zunehmen. Aber dennoch gibt es Grund zum Optimismus für eine Branche, die manch einer schon totgesagt hatte – auch weil doch dank Internet heute angeblich jeder ein Journalist sein könne. Hier ein paar Gedanken zur Zukunft der Zunft.

In der Ausbildung müssen neue und traditionelle Fähigkeiten gleichermaßen trainiert werden

Erstens: Der Journalismus muss Technologie nach Kräften nutzen, sie darf aber kein Selbstzweck sein. Medienhäuser entwickeln sich zu Technologiefirmen, und das ist gut. Dabei werden drei Entwicklungen den Journalismus besonders prägen: der Einsatz von künstlicher Intelligenz, Datenjournalismus und die Analyse von Leserverhalten.

Roboter, die zum Beispiel Sport- oder Börsenmeldungen schreiben, können Journalisten von Routineaufgaben befreien. Damit werden Kräfte freigesetzt, die viel besser bei investigativen Recherchen, Reportagen und komplexen Gedankenspielen aufgehoben sind.

Seitdem zum Beispiel die Nachrichtenagentur AP Meldungen über Quartalsberichte von Firmen automatisch erstellen lässt, hat sie 4000 statt 400Firmen auf dem Schirm und 20 Prozent an Arbeitszeit gewonnen. Künstliche Intelligenz, heißt es in dem AP-Report A guide for newsrooms in the age of smart machines, könne künftig auch bei großen Recherchen wie jener zu den „PanamaPapers“ dabei helfen, aus großen Datenmengen Sinn abzuleiten.

Neue Technologien ermöglichen auch andere Erzählformen, zum Beispiel Datenjournalismus oder bieten einen Perspektivwechsel mit Hilfe virtueller Realität. Und sie helfen dabei, die gleichen Themen unterschiedlich aufzubereiten, um damit Lesern aller Altersklassen so zu begegnen, wie sie das gerne hätten: in Text, Bild, Grafik, Ton oder Film, rund um die Uhr oder gebündelt in größeren Abständen, am Wohnzimmertisch, im Auto oder im Bett.

Es ist falsch, nur auf die zu hören, die Krawall machen. Das tun schon die sozialen Netzwerke

Voraussetzung ist, dass Journalisten in der Ausbildung neue und traditionelle Fähigkeiten gleichermaßen trainieren. Eine Freude an Technik und Daten ist ebenso wichtig wie das, was schon immer gefragt war: genau hinschauen, gut zuhören und selber denken. „Bei uns sind die Ingenieure Bürger erster Klasse“, sagt Post-Chefredakteur Baron, und damit meint er: Sie sind keine Zuarbeiter für Journalisten, sondern erfahren im Redaktionsalltag die gleiche Wertschätzung.

Zweitens: Journalisten müssen ihrem Publikum zuhören, aber Haltung zeigen. Die Methoden, um Leser- und Nutzerverhalten zu verstehen, werden immer ausgefeilter. Hinweise darauf, wann jemand aus einem Stück aussteigt und zu welchen Zeiten auf welchen Geräten bestimmte Stoffe besonders gut angenommen werden, sind wertvoll.

Der klügste Text hat keinen Wert, wenn nach drei Sätzen niemand weiterliest. Journalismus sollte unterhaltsam sein, aber das immer als Mittel zum Zweck. Was die relevanten Stoffe sind, muss die Redaktion entscheiden. Ein Fehler wäre, nur auf diejenigen zu hören, die den meisten Krawall machen – das tun schon die Algorithmen der sozialen Netzwerke.

Drittens: Der Journalismus muss an seiner Glaubwürdigkeit arbeiten. Leser trauen den etablierten Medien mehr als den sozialen Netzwerken, aber sie trauen ihnen nicht genug.

Laut Digital News Report, der auf den Angaben von 70 000 Befragten aus 35Ländern beruht, gesteht im Durchschnitt nicht einmal jeder Zweite den Medien zu, zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden zu können. Was Journalisten tun können: Ihr Handwerk erklären, Fehler zugeben und korrigieren. Und ganz wichtig: in ihren Redaktionen und Produkten die Vielfalt der Gesellschaft abbilden.

Hilfe der Großen annehmen

Viertens: Journalisten müssen rausgehen, recherchieren und erklären. Das klingt banal, ist es aber nicht. Zeitdruck und Sparprogramme in Redaktionen lassen oft keine andere Möglichkeit: Es wird gegoogelt statt recherchiert. Aber wenn alle nur noch googeln, berichten alle das gleiche – und machen sich austauschbar. Irgendwann werden das ohnehin Roboter übernehmen.

Echte Gespräche – nicht zu verwechseln mit Chats – bringen Zwischentöne und Perspektiven in Geschichten, die Algorithmen nicht liefern können.

Fünftens: Medienhäuser können Hilfe der Großen annehmen, ohne vor ihnen einzuknicken. Es geht um Unabhängigkeit und manchmal schlicht ums Überleben. Schon jetzt gehen weltweit etwa 80 Prozent der Anzeigenerlöse an Google oder Facebook, die Medienhäuser haben das Nachsehen. Auf dem GEN Summit wurde eines deutlich: Ohne die finanzielle Hilfe der großen Konzerne fänden viele ambitionierte Tech-Projekte im Journalismus nicht statt.

Bezahlmodelle für Inhalte sind wichtig, dürften aber vielerorts nicht reichen. Partnerschaften werden deshalb wichtiger. Aber die Medienhäuser dürfen ruhig selbstbewusst sein: Sie sind zwar auf die Portale angewiesen, die Portale aber auch auf großartigen Journalismus.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung

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