Eine Frage der Macht – Was die Digitalisierung Frauen bringt

Es ist einfach, die Digitalisierung als Erfolgsgeschichte zu erzählen. Hält sie doch all dies bereit: unendliche Möglichkeiten, sich mit Menschen zu verbinden, sich die Welt zu erschließen, Probleme per Datenauswertung zu lösen, sich vielfältiger Mühen des Alltags zu entledigen und sich damit eine nie da gewesene Bequemlichkeit leisten zu können. Es ist ebenso einfach, die Digitalisierung als Geschichte der Bedrohung zu erzählen. Ermöglicht sie doch all das: allumfassende Überwachung, Fremdbestimmung durch Algorithmen, Ökonomisierung aller Lebensbereiche und damit einen nie da gewesenen Druck.

Ob die Digitalisierung einer Gruppe nutzt oder schadet, zum Beispiel Frauen, lässt sich deshalb kaum beantworten. Entscheidend ist, wie wir sie gestalten. Allerdings prägen ein paar Mechanismen die digitale Welt, die sich auf Männer und Frauen tatsächlich unterschiedlich auswirken. Zunächst ist da die komplette Ökonomisierung des Lebens. Was in der westlichen Digital-Debatte als Hyper-Kapitalismus kritisiert wird, kann für Menschen, die bislang nichts haben, ein Segen sein. Denn theoretisch kann sich jeder Bürger, der ein Smartphone besitzt, in den weltweiten Wirtschaftskreislauf einklinken, dort lernen, Waren und Dienstleistungen anbieten, verhandeln, Teams koordinieren, Geschäfte abwickeln.

 

In den Mittelschichten der entwickelten Länder fallen die Vorteile für Frauen geringer aus. Der sichere Arbeitsplatz verschwindet zunehmend zugunsten einer On-Demand-Wirtschaft, in der Leistung auf Abruf bestellt und pro Einheit bezahlt wird. Die Digitalisierung führt dazu, dass die Einkommen aus Arbeit sinken und die aus Kapital steigen. Frauen haben oft das Nachsehen, weil sie davon weniger besitzen und deutlich seltener Firmen gründen. Während viele stolz darauf sind, wie effizient sie als Arbeitsbienen der digitalen Welt Job und Familie vereinbaren, machen diejenigen das Geschäft, die als Unternehmer erfolgreich sind – überwiegend Männer.

Allerdings setzt der ebenfalls bestehende Zwang zur Individualisierung gerade Frauen unter Druck. Die Leistungs- und Vergleichskultur, die vor allem in den sozialen Medien gepflegt wird, macht speziell Mädchen zu schaffen. Einer neuen Studie zufolge leiden sie deshalb besonders häufig unter Depressionen.

Auch die Transparenz, die in den digitalen Netzwerken herrscht, nützt Frauen nicht nur. Klar, sie können sich gegenseitig stärken, Gleichgesinnte finden und ihr Netzwerk ausbauen. Manchmal kann eine Kampagne, die digital angestoßen wird, die Welt verändern. Aber in den digitalen Räumen herrscht eine Ellbogenkultur, die den Lautesten belohnt. Algorithmen setzen jene Beiträge in der Rangfolge an die Spitze, die besonders viele Klicks versprechen. Die also besonders kontrovers, witzig, gewalttätig oder auf andere Weise marktschreierisch sind – die Hingucker eben. Digitale Geschäftsmodelle belohnen Reichweite.

Auf Frauen prasseln in den sozialen Netzwerken außerdem deutlich häufiger Hasstiraden nieder als auf Männer. Die Öffentlichkeit macht sie verletzlich, und sie geraten leicht in die klassische Opferrolle.

Viele haben gehofft, dass Algorithmen zu mehr Gerechtigkeit in zahlreichen Sphären führen. Diese Rechenoperationen, so die Theorie, könnten zum Beispiel wichtige Prozesse wie Bewerbungsverfahren objektiver machen. Wenn eine Software Lebensläufe vorsortiert und nicht ein vorurteilsbeladener Manager, hätten es Bewerber, die nicht seinem Ideal entsprechen, erheblich leichter, in die Endrunde zu gelangen. Was dabei häufig vergessen wird: Algorithmen sind kondensierte Vergangenheit. Sie errechnen aus den verfügbaren Daten das ideale Ergebnis – wenn man sie nicht anders programmiert. Haben sich also bislang vor allem Männer auf einer bestimmten Position bewährt, wird die Software keine Frau vorschlagen. Es kommt darauf an, wie man den Algorithmus füttert.

Und hier liegt der Kern des Problems: Die digitale Welt wird weitgehend von Männern gestaltet. Sie bauen die Geschäftsmodelle der „Winner takes all“-Wirtschaft, die deshalb so genannt wird, weil sie wenige massiv belohnt. Sie programmieren Algorithmen, die von der Job- über die Immobilien- bis hin zur Partnersuche immer stärker die Lebenswege vieler Menschen bestimmen. Frauen hingegen kämpfen um Positionen in der Tech-Branche. Sie fühlen sich oft nicht gewollt, nicht ernst genommen. Die Zahl der Informatikerinnen war in den vergangenen Jahrzehnten zum Teil sogar rückläufig, weil es für Frauen schwierig ist, sich zwischen Nerds und Hipstern zu etablieren. Risikokapitalgeber bevorzugen männliche Firmengründer. Der Kreislauf setzt sich fort.

Die digitale Welt suggeriert nur allzu oft, dass es für alles einen bequemen Weg gibt. Ein paar Klicks, und schon ist man dabei. Ein paar Herzchen, Sternchen, Smileys, und alle sind wunschlos glücklich. Tatsächlich aber stellen sich knallharte Machtfragen. Und Macht wird bekanntlich selten frei Haus geliefert. Man muss sie sich erstreiten und dann auch nutzen, um damit zu gestalten. —

Dieser Text ist erschienen in brand eins, Ausgabe 03/2019

Mutter, Vater, Roboter – Elternsein in der digitalen Welt: Wie geht das?

Manchmal mag man auch das nicht mehr hören: Wie aufregend, frei und locker das war in den 70ern, als man als Kind noch unangeschnallt auf der Rückbank in den Urlaub chauffiert wurde und mit Freunden draußen am Fluss rumtobte bis zum Dunkelwerden. Jeder kennt solche Geschichten oder hat sich – je nach Alter –schon dabei ertappt, sie zu erzählen. Heute dagegen, oje, oje: Helmpflicht im Fahrradanhänger, elterliche Hilfestellung am Klettergerüst, WhatsApp-Pflicht bei Schulschluss. Kindheit, so die Nostalgiker, sei nicht mehr das, was sie mal war. Den Rest, der da auch war, all die Unfälle, Ängste und Stunden des gelangweilten Ausharrens in Rauchschwaden bei Erwachsenengeburtstagen – längst verdrängt.

Aber an genau das sollte man sich erinnern, wenn es um die Zukunft des Elternseins in der digitalen Welt geht. Denn einerseits ist es leicht, angesichts der wachsenden Möglichkeiten, Kinder von Geburt an elektronisch zu überwachen, zu beeinflussen und auf Schritt und Tritt zu verfolgen, in verklärende Freiheits-Fantasien zu verfallen. Andererseits bringt die digitale Technologie tatsächlich neue Risiken mit sich.

Nach Erkenntnissen aus der Forschung geht es dabei weniger um den Einfluss, den Bildschirmzeit, soziale Netzwerke und Computerspiele auf Kindergehirne haben. Die Angstmacherei vor zu viel Smartphone-Nutzung beschäftige zwar viele Experten, belegt seien Schäden aber nicht, sagen Andrew Przybylski und Amy Orben in einem Gastbeitragfür den britischen Guardian. Beide sind Wissenschaftler am Oxford Internet Institute, das gerade ein großes Forschungsprojektzur mentalen Entwicklung von Kinder und Jugendlichen in der digitalen Welt startet.

Ein viel akuteres Problem sind kommerzielle Interessen, die mit der Angst von Eltern Geschäfte machen wollen. In Mittel- und Oberschichtsfamilien überall auf der Welt heißt Elternsein heute, alles zu geben, um sein Kind zu schützen und zu fördern. Hier setzen viele Firmen an. Sie suggerieren, dass digitale Geräte und Apps dies viel effizienter und manchmal sogar effektiver können als Babysitter, Großeltern oder Mutter und Vater selbst. Noch beeindruckt die Roboter-Nanny vor allem auf Elektronikmessen. In asiatischen Ländern, die weniger Vorbehalte gegen Humanoide haben als der Westen, dürfte sie aber bald in etlichen Kinderzimmern auftauchen.

Der Markt für internetfähige Geräte und „intelligente“ Spielzeuge, die Kinder vom Babybettchen bis zum Teenager-Alter begleiten und überwachen, wächst schon jetzt rasant. Firmen werben mit Sensor-gespickten Pflastern oder Socken für Neugeborene, damit Mama und Papa ohne Angst vor dem plötzlichen Kindstod schlafen können. Slogans wie: „Love more, worry less“ setzen den Ton. Elektronische GPS-Tracker, die eigentlich für Kinder mit Behinderungen entwickelt wurden, werden allgemein vermarktet. Es gibt Apps, mit denen sich Kinder auf Schritt und Tritt verfolgen lassen (saudische Männer laden sie ihren Ehefrauen aufs Handy). Amazon bietet eine Echo-Version speziell fürs Kinderzimmer an. Und „intelligente“ Puppen wie „My friend Cayla“ versprechen interaktive Spiele, arbeiten im Zweitberuf aber als Spione, wenn sie Puppenmuttis und -papas haufenweise private Informationen entlocken. „Vernichten Sie diese Puppe“, riet dazu die Bundesnetzagentur.

Victoria Nash, ebenfalls Professorin am Oxford Internet Institute der University of Oxford, forscht darüber, wie sich das Kindsein und die Elternschaft durch Technologie verändern könnten. Und sie bleibt angenehm unaufgeregt, wenn sie über „Connected Cots, Talking Teddies and the Rise of the Algorithmic Child“ referiert. Von moralischer Panik halte sie nichts, sagt sie, das Internet habe Eltern und Kindern schließlich unglaubliche Vorteile gebracht. Aber zwei Themen blieben bislang ziemlich unterbelichtet.

Zum einen sei da der Mangel an Datensicherheit, sagt Nash. Immer wieder gerieten massenhaft sensible Informationen in falsche Hände. Oft seien die Anbieter dieser neuen Produkte eher klein, so dass sie es sich nicht leisten wollen, Geräte mit Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Privatsphäre zu versehen. Hacker haben es dann leicht, in Kinder- und Schlafzimmer einzudringen, über Baby-Kameras in Häuser zu schauen oder Verhaltensdaten abzufischen, die womöglich ein Leben lang an Menschen kleben bleiben. Die Standards müssten dringend aktualisiert werden, fordert Nash, denn im Moment sei es eher so: „Anstatt dass die Kinder das Internet nutzen, nutzt das Internet die Kinder.“ Und sie fügt hinzu: „Ich mache mir Sorgen um das von Algorithmen erzogene Kind, wenn wir Entscheidungen darüber, ob es sicher ist, es ihm gut geht oder ob es sich gut entwickelt nur auf der Basis von Daten treffen, die uns private Unternehmen so gerne über unsere eigenen Kinder verkaufen.“

Aber ein zweites Thema hält die Professorin für wesentlich wichtiger: Was bedeute es, in der digitalen Welt Eltern und Kind zu sein? Das Konzept Kindheit sei schließlich erfunden und habe schon immer je nach Kultur und historischer Epoche variiert. Elternschaft müsse neu gedacht werden.

Was Kindheit heute bedeuten sollte, kann man in der UN-Kinderrechtskonventionvon 1989 nachlesen: unter anderem der Schutz vor Gewalt, Rechte auf Freizeit und Bildung sind darin verbrieft. Schon 1924 hatte der Völkerbund, die UN-Vorläufer-Organisation, Kinderrechte definiert. Aber natürlich werden diese Rechte unterschiedlich umgesetzt und interpretiert. An einem Ende der Welt ist Kinderarbeit Alltag, am anderen dürfen noch nicht einmal 15-Jährige alleine zur Schule radeln. In manchen Ländern beansprucht der Staat die Rolle des Erziehers in der Überzeugung, die jungen Bürger besser nach seinem Bild formen zu können als die Eltern. In anderen liegt die gesamte Verantwortung bei den „Erziehungsberechtigten“.   

Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern verändert sich aber, wenn sich Technologie dazwischenschiebt. Zum einen lagern Eltern Kommunikation aus, wenn die Kleinen künftig nur noch Podcasts hören oder mit Roboter-Puppen reden, statt sich vorlesen zu lassen. Die MIT-Professorin Sherry Turkle („The End of Conversation“, 2015) warnt vor den Folgen: „Empathie wird durch Gespräche entwickelt“, sagt Turkle. Gäbe man Kindern zudem ständig etwas, das sie ablenke, lernten sie nie, Langeweile und Alleinsein auszuhalten. Aber daraus entwickelten sich Kreativität, Identität und Beziehungsfähigkeit. Turkle: „Wenn wir den Kindern nicht beibringen, wie man alleine ist, werden sie das nur als Einsamkeit erleben.“

Zum anderen verschafft die neue Daten-Transparenz Dritten Einblicke in das Verhalten von beiden. Waren Kindheit und Erziehung früher Räume zum Experimentieren, die alle Seiten manchmal eher schlecht als recht genutzt haben, werden Nachlässigkeit, Faulheit, Aggression und manch anderes, was einem im Rückblick als Mutter oder Tochter eher unangenehm ist, ans Licht gezerrt. Intelligente Sprachassistenten bekommen jeden Familienstreit mit. Spielzeuge können den Lernfortschritt dokumentieren, und womöglich werden Eltern bald dann haftbar gemacht, wenn sie ihre Kinder ohne Überwachungs-Technologie haben draußen spielen lassen.

Die Digitalisierung könnte also das Modell der Helikopter-Eltern zur Norm machen. Schließlich hat sie das Helikoptern durch Technologie ohnehin zum allgemeinen Lebensstil erhoben. Wir überlassen immer weniger dem Zufall, ersetzen Vertrauen durch Daten. Wenn internetfähige Geräte unsere Wohnungen, unsere Fitness, unsere Leistungen als Beschäftigter, Autofahrer, womöglich Staatsbürger überwachen – das englische Verb monitoring hört sich etwas freundlicher an –, dann ist es nicht mehr weit bis zu dem Moment, an dem Eltern vor lauter Panik, etwas falsch zu machen, ihre Kinder ganz den elektronischen Hilfsmitteln anvertrauen.

Ironischerweise geschieht dies in einer Zeit, in der man immer wieder freudig und lautstark aufgefordert wird, doch etwas mehr Risiko zu wagen. Sicherheit im alten Sinne – mein Job, mein Haus, mein Partner – gebe es nicht mehr in einer Welt des schnellen Wandels, heißt es gerne, darauf habe man sich einzustellen. Nur wann und wie soll man Risikofreude lernen, wenn nicht in der Kindheit? Kleine Freiheiten zu testen, auch mal schräge Dinge auszuprobieren und dabei darauf zu vertrauen, dass man geliebt, angenommen und umsorgt wird, ist ein Privileg, das nicht jedes Kind hat. Es führt aber erwiesenermaßen zu mehr Selbstvertrauen und hilft später dabei, mit Risiken umzugehen.

Es gibt Forderungen danach, Jugendlichen mit dem 18. Geburtstag das Recht einzuräumen, auf eine Art Lösch-Taste zu drücken, um das Erwachsenenleben ohne Datenmüll zu beginnen. Natürlich müsste es Ausnahmen geben, denn auch Verantwortung zu übernehmen lernt man nicht über Nacht. Aber grundsätzlich ist die Idee gut.

Das Konzept Freiheit muss in der digitalen Welt neu definiert werden. Wir sollten das als Bürger tun und nicht kommerziellen Interessen überlassen. Auf die Rückbank ohne Anschnallgurt wollen im Ernst die Wenigsten zurück. 

Dieser Text erschien in gekürzter und leicht veränderter Form in „ada – Heute das Morgen verstehen“, Ausgabe 03/2019             

Vom guten Ton – Wie Sprachassistenten die Gesellschaft verändern könnten

Wie sich das mit der Höflichkeit entwickeln wird, ist noch nicht ganz ausgemacht. Die einen vermuten, dass wir uns die Welt künftig nur noch im Befehlston erobern. „Alexa, bestell mir Pizza Funghi!“, „Google, weck mich morgen um sieben!“ – noch verstehen die Sprachroboter, die uns zunehmend umgeben, klare Ansagen am besten. Und wenn man nicht aufpasst, kann das leicht zu „Martin, bring den Müll runter!“ werden, was Martin nicht ganz so entspannt kommentieren dürfte wie die nette Stimme aus dem Off.

Andere hingegen meinen zu beobachten, dass Nutzer der Spracherkennung ihre Wünsche von sich aus gerne mit einem „Bitte“ beenden. Und schließlich sei es kinderleicht, dem Roboter einzuprogrammieren, dass er einem ein solches Höflichkeits-Signal abverlangt, bevor er im Sinne des Auftraggebers tätig wird. Das werde eine neue Generation von höflichen Kindern heranziehen, die der Oma dann sprachlich mit genauso viel Respekt begegnen würden wie Alexa und Co., vermuten manche. Beide Thesen werden sich in wissenschaftlichen Arbeiten überprüfen lassen, denn Daten dürften bald reichlich zur Verfügung stehen.

Wie die Voice Technologie den Umgang mit dem Internet und damit womöglich die Gesellschaft verändern kann, wird sich schwieriger überprüfen lassen. Einerseits könnte sie zum großen Demokratisierer werden, den digitalen Graben überbrücken und alle ans Netz anschließen, denen das Digitale bislang zu fremd, zu kompliziert oder aus anderen Gründen verschlossen war. Andererseits könnte es uns zu noch beflisseneren Vasallen der mächtigen Plattform-Konzerne machen: durchschaubar, denkfaul und orientierungslos.

Die optimistische Variante geht so: Künftig muss man sich weder über ein Smartphone beugen noch auf einen Bildschirm starren, um sich in der vernetzten Welt kompetent zu bewegen, ja man muss noch nicht einmal lesen und schreiben können. Wer sich sprechenderweise bemerkbar machen und Wünsche äußern kann, hat Zugang zu allen Dienstleistungen, die über das Internet zur Verfügung stehen – vorausgesetzt, der Roboter erkennt nicht nur die Sprache sondern auch den jeweiligen Dialekt. Damit könnten auch Analphabeten online tätig werden. Geschätzt haben 700 Millionen Menschen mehr oder weniger große Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben, also etwa jeder zehnte.

Aber auch diejenigen, denen „all der Digitalkram“ bislang zu kompliziert war, könnten Gefallen daran finden. Das betrifft übrigens nicht nur Großeltern. Deren digitale Beweglichkeit ist, getrieben von der Sehnsucht nach den Enkeln, mitunter erstaunlich ausgeprägt. Nutzer jeden Alters, denen das geschriebene Wort noch nie viel bedeutet hat, denen Fingerfertigkeit, Sehkraft oder schlicht die Muße fehlen, mit kleinen Bildschirmen zu hantieren, lassen sich womöglich lieber auf eine Art Dialog mit Maschinen ein.

Hinzu kommt, dass der Blick aufs Gerät bei manchen Tätigkeiten schlicht gefährlich sein kann. Das betrifft vor allem das Navigieren im Straßenverkehr. Fast jeder hat schon diese vermeintlich lustigen Videos gesehen, bei denen Fußgänger, den Blick gen Smartphone gesenkt, gegen Laternenpfähle donnern oder in Tümpel stolpern. Allerdings zeigt auch die Kurve tödlicher Autounfälle nach Jahrzehnten des Absinkens wieder nach oben. Ablenkung durchs Handy gilt als ein gewichtiger Grund dafür.

„Spracherkennung lässt die Technik in den Hintergrund treten, ja unsichtbar werden“, sagt Nic Newman, Tech-Forscher und Autor der Studie „The Future of Voice and the Implications for News“des Reuters Institutes for the Study of Journalism. Das werde den Umgang mit dem Internet spielerischer machen und viele neue Angebote hervorbringen.

Die schlauen Geräte lenken nicht so ab wie ständig blinkende Screens, sie bleiben stumm und unaufdringlich, solange man nichts von ihnen will. Sie machen deshalb vermutlich auch weniger süchtig als Smartphones, wenn man denn in diesem Zusammenhang von Suchtverhalten sprechen kann. Mal schnell nachschauen, ob es nicht doch irgendetwas Neues gibt, diesen Reflex sollten sie jedenfalls weniger auslösen als ein Gerät, das mit visuellen Reizen arbeitet. „Wir verbringen alle viel zu viel Zeit mit Bildschirmen. Unsere Augen und Gehirne sind müde, wir sind von kleinen rechteckigen Geräten abhängig geworden“, sagt Newman, „Spracherkennung wird uns davon befreien und dem Menschen die Kontrolle zurückgeben.“       

Aber Experten wie Newman halten die Technik nicht nur deshalb für transformativ. Insbesondere Menschen, die motorisch eingeschränkt sind, könnten massiv von ihr profitieren. Der britische Landkreis Hampshire testet gerade in einem Pilotprojekt, in welchem Ausmaß smarte Hör-Geraete und ihre Chatbots Behinderten und Betreuungsbedürftigen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen können, um sie zum Beispiel an Medikamente zu erinnern, Hausgeräte zu steuern oder im Notfall Botschaften weiterzuleiten – nicht, um Pflegepersonal zu ersetzen, sondern Hausbesuche zu ergänzen, wie das zuständige Amt versichert.

Generell senkt die Technik die Hemmschwelle für Bürger, sich an ihre Gemeinde oder andere öffentliche Stellen zu wenden. Es kostet die meisten Menschen weniger Überwindung, mal eben in ein Gerät zu sprechen, um etwas zu fragen oder zu melden, anstatt sich zu dem zuständigen, womöglich schlecht gelaunten Sachbearbeiter durchzufragen oder ein Formular auszufüllen. Wenn es denn funktioniert.

Die Chancen dafür stehen recht gut. Der technische Fortschritt auf dem Feld ist gewaltig, die Software der Geräte wird dank der ständigen Fütterung mit Daten immer besser. Vor allem im Handel ist ein Wettlauf im Gange, um den Kunden mit Sprach-Dienstleistungen abzuholen, wie es so schön heißt, und das hoffentlich schneller als die Konkurrenz. Der Marktforscher Gartner prognostiziert, dass die Firmen, die früh in Voice Technologie investieren, ihren Einzelhandels-Umsatz um 30 Prozent steigern können. 2021 dürfte jede zweite Firma mehr in Bots und Chatbots investieren als in Apps.

Allerdings, und jetzt kommen die Warnhinweise, gibt es auch ein paar Risiken. Das bekannteste betrifft den Datenschutz. „Smart talking: are our devices threatening our privacy“, überschreibt der britische Guardianeinen Text von James Vlahos, und man möchte rufen: „Ja was denn sonst?“ Dass die Smart Speaker das Smartphone in seinen Spionage-Fähigkeiten noch um einiges übertreffen, ist mehr als offensichtlich. Denn weil sie passiv im Hintergrund „lauern“, vergisst man gerne, dass es sie gibt. Ausschalten geht zwar, aber es beraubt sie ihrer Funktion. 

Vlahos‘ Stück ist ein Vorabdruck aus seinem Buch, dessen Titel „Talk to Me: Apple, Google, Amazon and the Race for Voice-Controlled AI“ (Random House Penguin, 2019) auf einen Blick klar macht, wer diese neuen Zufahrtsstraßen zum Internet kontrolliert. Zwar beteuern die genannten Konzerne auf allerlei Weise, wie sie die Privatsphäre ihrer Kunden zu schützen gedenken, aber dennoch ergeben sich einige ethische und juristische Probleme aus der rasant wachsenden Anwendung der Geräte. So zitiert Vlahos einen Jura-Professor der Fordham Law School in New York, Joel Reidenberg, der sagt: „Wenn Sie ein Gerät installiert haben, das zuhört und Daten an Dritte überträgt, haben Sie Ihr Recht auf Privatsphäre verwirkt.“ So schnell kann es dahingehen mit den Bürgerrechten.

Und wer ist dafür verantwortlich, eventuell Hilfe zu alarmieren, wenn zum Beispiel ein Kind seiner mit einem Sprachempfänger ausgestatteten Barbie-Puppe anvertraut, jemand habe es seltsam angefasst? Man kann gewiss sein, dass sich bereits jetzt reihenweise Anwälte mit dem Thema beschäftigen. Wie man weiß, übernehmen die großen Datenkonzerne ungerne Verantwortung für das, was sie auslösen, wenn die Folgen denn negativ sind. Ganz abgesehen davon, dass die Gefahr des Hackens mit der Zahl der Gegenstände wächst, die kontinuierlich Daten zum Nutzerverhalten übermitteln, ob das nun die Mikrowelle, die Heizung oder das Auto ist.

Allerdings gibt es noch ein paar weniger offensichtliche Fragezeichen zur Voice Technologie als die Sorge um die Privatsphäre. Denn einerseits ist es natürlich wunderbar, wenn Dinge einfacher werden. Andererseits könnte es auch dazu führen, dass wir bestimmte Hirnregionen nicht mehr trainieren, wenn wir uns nur noch in den Wunsch- und Erwartungsmodus begeben. Schon heute werden ohne Google Maps selbst diejenigen unter uns schnell orientierungslos, die jahrzehntelang problemlos mit Hilfe von Stadtplänen und Landkarten ihren Weg gefunden haben. Bestimmte kognitive Kompetenzen bilden sich offenbar schnell zurück. Und das könnte auch für das Lesen und Verstehen von Texten gelten. Nicholas Carr hatte sich über diesen Effekt in seinem Buch „The Shallows – What the internet is doing to our brains“ (W. W. Norton, 2011) schon lange vor dem Siegeszug der Spracherkennung ein paar Gedanken gemacht.  

Die Vermutung liegt nahe: Wer sich regelmäßig von Alexa oder Google Home den Nachrichten-Überblick vorlesen lässt – der natürlich je nach Auswahl von der BBC, der Tagesschau oder anderen Redaktionen stammt – mag sich womöglich nicht mehr mit ausführlicherer Lektüre zum Tagesgeschehen beschäftigen. Zwar haben Radio und Fernsehen diesen Effekt auch schon geliefert, aber der smarte Lautsprecher lässt sich wie das Smartphone für so viele Funktionen nutzen, dass die Information nur eine davon ist. Laut Newmans Studie interessieren sich zwar eine ganze Menge Voice-Nutzer für die Nachrichten, aber nur ein Prozent von ihnen findet dieses Angebot auch wichtig. Der weit überwiegende Teil der Konsumenten nutzt die Geräte bislang vor allem fürs Musikhören auf Kommando.

Ein Trend dürfte sich verstärken: Vieles im Netz befeuert unsere Bequemlichkeit und unsere Ungeduld gleichermaßen, alles muss schnell und ohne viel Mühe in unsere Nähe gelangen. Das offensichtlichste Zeugnis davon sind vermutlich die Fahrradboten von Lebensmittel-Bring-Diensten, die sich in vielen Städten so schnell vermehren, wie man es von den dazu passenden Radwegen gerne hätte. Der Weg vom Hunger zum Essen führt immer seltener über den Supermarkt und die Küche zum Teller, mundgerechte Lieferung wird zum Standard und das durchaus auch im übertragenen Sinne.

Absehbar ist zudem, dass sich die Macht im Internet weiter auf wenige große Plattform-Konzerne konzentriert. Eine Google-Suche am Bildschirm fördert zuweilen Tausende, sogar Millionen Treffer zutage, selbst wenn sich die Wenigsten die Mühe machen, auf die vierte Seite der Suchergebnisse zu gehen. Das Voice-Gerät hingegen lässt exakt eine Antwort zu, wenn man keine weitere anfordert. Scott Galloway, Professor der New York University, hat deshalb schon prognostiziert, dass Spracherkennung der Tod des Markenartikels sein könnte. Der Kunde werde vermutlich eher Produktkategorien ordern („Ich brauche Zahnpasta“) als Markenartikel, der dahinterliegende Händler könne dann seine Lieferanten entsprechend preislich unter Druck setzen. Das Ergebnis ist ein Verdrängungswettbewerb, der sich zugunsten der ohnehin schon Starken entscheiden dürfte, doch die werden in Maßen profitieren. Denn der Kunde wird Markennamen im akustischen Raum kaum noch wahrnehmen.

Eine große Herausforderung dürfte die Sprache selbst sein. Im englischsprachigen Raum mag die Spracherkennungs-Technik als rundum positiv gesehen werden, dort setzt sie sich rasant durch. In den USA und Großbritannien nutzt schon mindestens jeder Zehnte einen Smart Speaker, immerhin sind die Geräte derzeit schon für 21 Sprachen in 36 Ländern erhältlich. Aber es wird noch eine Weile dauern, bis auch der letzte Dialekt verstanden wird. Außerdem haben die Lautsprecher noch Schwierigkeiten damit, Stimmen zuzuordnen oder Wünsche im Zusammenhang zu begreifen. (Wer daheim Alex oder gar Alexa gerufen wird, stiftet vermutlich besonders viel elektronische Verwirrung.)  

Ob die Boxen ihre Nutzer wirklich verstehen, hängt stark davon ab, wieviel sich diese mit ihnen abgeben. Denn die Technik lernt umso besser, je mehr Daten sie verarbeiten kann. Ob sie den Menschen allerdings jemals in der ganzen Komplexität seiner Kommunikation „begreifen“ wird, lässt sich getrost bezweifeln. Zu der gehört schließlich viel mehr als nur die Sprache. Manchmal verstehen wir uns schließlich nicht einmal selbst.      

Dieser Text erschien in leicht veränderter Form in „ada – Heute das Morgen verstehen“, Ausgabe 02/2019