In die Reihe „Trends, die man als Medienmanager nicht verpassen sollte“, gehört auf jeden Fall der folgende: Die Ära der Sozialen Netzwerke könnte irgendwann vorbeigehen. Zahlen zufolge, die im Oktober 2025 von der Financial Times veröffentlicht wurden, ist die Anzahl der auf den entsprechenden Plattformen verbrachten Stunden in allen Altersgruppen seit 2022 rückläufig. Und während die FT noch schüchtern mit Fragezeichen titelte: „Haben wir den Höhepunkt von Social Media überschritten?“, legte sich The Atlantic wenig später mit etwas anderem Zungenschlag fest: „Das Zeitalter der Anti-Social Media ist da“.
„Wie bitte?“, wird jetzt manch einer denken. Hatte man nicht gerade den letzten Widerständigen in der Geschäftsleitungsrunde davon überzeugt, dass sich die nachfolgenden Generationen nur an die Marke binden lassen, wenn man auch auf Insta, TikTok oder YouTube unterwegs ist? Und wenn das stimme, was hieße das für das mittlerweile leidlich eingeschwungene Social Media Team?
Nun gut, Eile ist in diesem Fall nicht geboten, eher strategisches Denken. Die von der FT präsentierten Zahlen zeigen schließlich auch, wie massiv der Anstieg der Social-Media-Nutzung in den vergangenen zehn Jahren war. Und auch der im Juni 2026 veröffentlichte Digital News Report hat dokumentiert: Erstmals kommt die Mehrheit der Weltbevölkerung über Social Media in Kontakt mit Nachrichten. Man ist also noch auf hohem Niveau. Außerdem bedeutet das noch lange nicht, dass die Menschen, vor allem die jungen, Medien wieder ganz altmodisch über die Website oder App konsumieren (nein, auch nicht in Print!). Aber die Entwicklung ist sichtbar, schlüssig und von mehreren Faktoren beeinflusst.
Zunächst einmal begünstigen die Geschäftsmodelle der Plattform-Konzerne den Trend weg von Social Media, auf denen die Nutzenden interagieren und teilen, hin zu etwas, das man „Binge Media“ nennen könnte. Die Algorithmen von TikTok oder YouTube versuchen, die Konsumenten so lange wie möglich auf ihren Plattformen zu halten, indem sie besonders populäre Inhalte priorisieren und personalisieren. Das Ergebnis – stundenlanges passives Bingen – erinnert ein bisschen an das Zeitalter des linearen Fernsehens, in dem manch einer kraftlos bis zum Testbild an der Glotze hing, weil keine andere Form der Freizeit- und Lebensgestaltung mehr Entspannung zu versprechen schien. Auch in Zukunft wird nicht alles „on demand“ und interaktiv sein sondern vieles, wie es immer schon war.
Zweitens ist es mittlerweile nicht nur in repressiven Regimen zu den Nutzenden durchgedrungen, dass allzu große Offenherzigkeit auf Social Media unangenehme Konsequenzen haben kann – sei es bei der Job-Suche oder beim Grenzübertritt in Länder, in denen Regierungschefs gerne Jagd auf Kritiker machen. Je weniger man aktiv postet, um so geringer ist das Risiko, sich zur Angriffsfläche zu machen. Es ist nicht komplett abwegig, dass sich Menschen irgendwann wieder häufiger Briefe schicken oder persönlich treffen, wenn sie etwas Wichtiges zu besprechen haben.
Drittens tritt ein gewisser Überdruss zutage. In vielen Ländern machen sich Initiativen von Eltern, Lehrern und Politikern mittlerweile darüber Gedanken, was übermäßiger Social Media Konsum bei Kindern und Jugendlichen anrichtet. Einschränkungen wie Altersbegrenzungen sind zwar nicht überall durchzusetzen, aber zumindest ist eine laute Debatte darüber zu erwarten. Zumal viele junge Leute selbst kritisch mit ihrer eigenen Smartphone-Nutzung umgehen. Nach einer im September 2025 veröffentlichten Studie der Vodafone Stiftung würden die Hälfte der dafür befragten Jugendlichen Social Media gerne weniger nutzen, schafft es aber nicht. Die Jungen sind dabei von den Netzwerken oft genervter als ihre Eltern. Kein Wunder, denn wer am Tag auf 100 WhatsApp-Nachrichten antworten soll, kommt schneller an seine Grenzen als Ältere, die sich vielleicht über eine Handvoll digitale Kontaktaufnahmen pro Tag freuen.
Viertens wird Künstliche Intelligenz die Nutzung digitaler Kanäle in vielerlei Hinsicht verändern. Hierauf zielt Atlantic-Autor Damon Beres im oben erwähnten Stück ab, wenn er von „Anti-Social Media“ spricht. Die Hypothese: Menschen werden gerade in kritischen Situationen zunehmend lieber mit Bots interagieren statt mit Freunden und Familienmitgliedern, denn die KI geht sanfter und affirmativer mit ihnen um. Schon jetzt sei soziale Vereinsamung ein Thema, der stete Zugriff auf digitale „Gesprächspartner“ werde diesen Trend verstärken. Hinzu kommt die schlichte Masse an mit Hilfe von KI oder gänzlich automatisiert fabriziertem Content, die sich wiederum nur mit KI bewältigen lässt. Wenn der KI-Agent künftig das Netz nach Inhalten absucht, aus der er (sie? es?) automatisch attraktive, algorithmusgerechte Social Media Posts generiert, die wiederum von anderen KI-Agenten gelesen werden, spart das echten Menschen Arbeitszeit. Die sind dann aber auch raus aus dem Social Media Spiel. Dies dürfte sich vor allem auf beruflich genutzte Plattformen wie LinkedIn auswirken.
Was heißt das für Medienhäuser? Zunächst einmal: wachsam bleiben. Nicht alles, was heute Trend ist, wird es morgen noch geben. Es ist deshalb zwingend, konsequent in die Kraft des eigenen Journalismus und der eigenen Marke zu investieren, um direkte Beziehungen zu den Nutzenden aufzubauen und zu halten. Nur so kann man nicht nur seine Fans, sondern auch gelegentliche und potenzielle Kunden mitnehmen, wenn die Begeisterung für eine Plattform bröckelt und es stattdessen anderswo weitergeht. Dazu gehört auch, das direkte Gespräch zu suchen und im Austausch zu bleiben. Medien haben nicht zuletzt eine gesellschaftliche Verantwortung. Sie müssen fürs Verbinden und Vernetzen von Menschen stehen, nicht fürs Vereinzeln.
Es gilt zudem, Journalismus und Medienmarken im KI-Zeitalter sichtbar zu machen, was eine Herausforderung ist. Um in der Welt der Bots und KI-Zusammenfassungen durchzudringen, werden echte Menschen gebraucht, die Emotion und Nähe vermitteln, statt Authentizität und Empathie nur vorzutäuschen. Wie die wachsende Popularität von News-Creatorszeigt, werden Personenmarken wichtiger. Und beide, Menschen und Marken, müssen für das geradestehen, was sie tun. Wie die Intendantin des Schwedischen Fernsehens SVT, Anne Lagercrantz in einem Gespräch sagte: „Versuchen Sie mal, einen Konzern aus dem Silicon Valley und deren Algorithmen zur Rechenschaft zu ziehen. Wir sind hier, und wir übernehmen Verantwortung.“ „Wir sind hier“ heißt aber auch, dort aufzuschlagen, wo die Nutzenden sind. Es hilft also nicht, das Social Media Team muss noch eine ganze Weile ordentlich schuften.
Diese Kolumne erschien bei Medieninsider am 11. November 2025.


